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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-02-01 · Heft 5 (1.2.1870) · p. Seite 83

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 5 (1.2.1870)
Date
1870-02-01
Page
Seite 83 (sequence 7)
Language
German
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83 Wirkungen eines vorübergehenden Nothstandes, die an und für sich auch bei normalen Verhaltnisien nicht mit dem Ende der Roth zugleich ihr Ende erreichen, vielmehr hat eine genaue und sorgfältige Untersuchung der dortigen Zustände zu der betrübenden Ueberzeugung geführt, daß das Elend der beiden vergangenen Jahre nun und nimmermehr zu solcher Ausdehnung hätte gelangen können, wenn es nicht durch langjährige Uebel- und Mißstände verbreitet und herbeigeführt worden. Die Mißernten der Jahre 1867 und 1868 haben die Krisis beschleunigt, welcher tief eingewurzelte chronische Uebelstande die dortige Bevölkerung allmählich entgegengeführt, und die, ohne den Nothstand, vielleicht einige Jahre später, aber dann gewiß auch heftiger und unheilbarer zum Ausbruch gekommen wäre, während es jetzt vielleicht — wir sagen sogar gewiß — noch möglich sein wird, die große Masie der dortigen unglücklichen Glaubensgenoffen vor dem Untergange zu bewahren. Dem Untergange ist aber jede Bevölkerung geweiht, die, wie dies bei den westrussischen Juden der Fall ist: 1. sich allmälig aller Stützen ihrer Existenz beraubt sicht, ohne 2. in der l'agc zu sein, selbstständig und aus eigener Initiative die uothwendige Basis einer neuen veränderten Lebens- und Erwerbsweise zu gewinnen. Man darf nämlich getrost behaupten, daß ca. zwei Drittel der dortigen Glaubensgenoffen völlig erwerbsblos und mittellos dastehen und auf fremde Subventionen angewiesen sind. Im Folgenden werden wir es versuchen, eine Uebcrsicht der Ursachen anzugeben, die unserer Meinung nach diese traurigen Zustände hervorgerufen und die dortige Bevölkerung von Decennium zu Decennium dem Verfalle entgegengeführt haben; andererseits wollen wir auseinandersetzen, welche locale und religiöse Verhältniffe und legislative Bestimmungen die nothwendige Regeneration erschweren. Hierbei lasten wir selbstverständlich die Frage unerörtert, in wieweit die eigenthümlichen Culturverhältniffe Westrußlands, welche die dortigen Juden bei ihrer Einwanderung vorgefunden und die erst in neuerer Zeit eine Umgestaltung zu erleiden anfangen, so wie die exceptionelle Stellung, die in gutem wie in anderem Sinne die westrussischen und polnischen Juden von vorn herein einnahmen, und die sie mehr als anderswo sich von jedem irgendwie zu vermeidenden Coutacte mit der dortigen Bevölkerung seruhalten ließ, auf die eigentümliche Entwicklung des polnisch-jüdischen Lebens influirt haben, deren traurige Cousequenzen jetzt zu Tage liegen und fremde Abhilfe dringend erheischen. I. Ursachen des Nothstandes. Als Ursachen dieses permanenten, von Tag zu Tag sich mehrenden Nochstandes bezeichnen wir: A. Ueberfüllung der Städte; B. Concentration des geschäftlichen Verkehrs auf die von der Eisenbahn berührten Städte; 6. Das Steuer-System; I). Aenderung der Neuzeit auf dem Gebiete der Gesetzgebung und Verwaltung; E. Niederer Stand der Cultur überhaupt. A. Ueberfüllung. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung ist im Verhälrniffe zu dem von ihr bewohnten Raume eine übergroße zu nennen. Die Juden wohnen zumeist dicht gedrängt in den Städten, deren überwiegende, ja in vielen Fällen säst alleinige Bevölkerung sie bilden. In diesem dicht gedrängten Zusammenwohnen liegt aber um so mehr eine der wesentlichsten Ursachen der Noch, als die Gleichartigkeit des Gewerbes und der Handwerke, die sie vorzugsweise betreiben, und der Mangel an Absatz und an Cvnsumenten eine erdrückende Concurren; bewirken, die allmälig zur Arbeitslosigkeit und zur Verarmung der gewerbetreibenden und Arbeiter-Klaffen geführt hat, während unter den gegebenen Verhältniffen die untere Elaste das Elend großer Städte vollständig repräsentirt. Die Ursachen dieser Ueberfüllung der Städte liegen nun a. In dem Mangel an Abzug nach dem flachen Lande; b. In dem Mangel an Freizügigkeit nach anderen Provinzen; e. In dem unverhaltnißmaßig starken Anwachsen der Bevölkerung. a. Mit Ausnahme der Kaufleute erster Gilde, einer bestimmten Kategorie Studirender und der Handwerker, ist es keinem Juden gestattet, aus seinem Wohnbezirk nach dem Innern des Reiches überzustedeln. Die Freizügigkeit der Handwerker aber ist durch Paßbeschränkung und andere Hemmniffe fast illusorisch gemacht. b. Eine Ueberstedelung aber aus den Städten nach dem stachen Lande innerhalb deffclben Bezirkes

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