Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1870)
- Date
- 1870-02-01
- Page
- Seite 81 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226750--28028-3301829- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
81 dem höchsten Richter zu, der Herz und Nieren prüft, der Gedanke, Wille und That kennt und versteht. Aber die Aufgabe selbst? Hier muß ich eine Bemerkung voranschicken. Jeder Mensch ist ein Kind seiner Zeit, ist ein Genosse seiner Mitlebenden und Mitstrebenden, ist nur ein Glied einer größeren oder kleineren Reihe Derer, welche den gleichen Gedanken durcharbeiten, die gleiche Richtung verfolgen, das gleiche Ziel erstreben, wenn auch in mannigfaltiger, ja verschiedener Weise. Jeder Einzelne ist daher nichts als ein Mitarbeiter, und es wäre eine Anmaßung sonder Gleichen, wenn er von seinem Gedanken, seiner Aufgabe spräche, wo er doch nur ein Mitdiener und Mitstreiter gewesen. Nur in diesem Sinne, geehrte Freunde, lasten Sie mich von der Aufgabe unsrer Zeit in dem Kreise, welchem ich und Sie angehören, sprechen. Und diese Aufgabe? Ich will sie kurz mit den Worten ausdrücken, die ein geistreicher Freund gebrauchte, als ich jüngst in Berlin verweilte: Die Humanität für das Judenthum und das Judenthum für die Humanität zu erobern. Ja, das ist das rechte Wort, und wem schlägt das Herz nicht freudig auf, wenn er es hört, wem erhebt sich der Geist nicht, wenn es ihn trifft und es ihm klar wird, daß es das Rechte ist! Darum lasten Sie es mich mit einigen Worten näher erörtern. Die Humanität für das Judenthum erobern! Fürwahr, sie war ihm versagt, viele Jahrhunderte, ja anderthalb Jahrtausende versagt, wenn sie ihm überhaupt während seines langen Daseins, mit Ausnahme einiger geringen Zeiträume, zugestanden worden. Sie war ihm versagt, denn man schloß seine Bekenner aus allen Sphären des bürgerlichen und öffentlichen Lebens aus, mau stieß sie ab und zurück, bis sie sich wie hinter steinernen, so hinter geistigen Mauern, in den eigenen Kreis gebannt, befanden, außerhalb jeder geistigen Bewegung und des frischen Athemzugs des Lebens; denn man bekleidete sie mit dem Gewände des Hohnes und der Lerachtung, brandmarkte ihr Geschlecht, ihre Race; denn man insinuirte dem Judenthume selbst die irrigsten Vorstellungen, die verkehrtesten Begriffe, die lächerlichsten Gesetze, und nachdem man es so entstellt hatte, erklärte man es für eine Mumie, die so lange Zeiten auf dem Menschengeschlechts laste. Nun, der Sieg ist errungen, die Humanität für das Judenthum erobert — wenn auch noch lange nicht vollständig, nnd es noch steter Wachsamkeit, fester Ausdauer und Energie, Bereitschaft zu neuen Kämpfen bedarf, um dem Ziele ganz nahe zu rücken. Aber vorbereitet war dieser Sieg schon von lange her. Mit Lessing und Mendelssohn, mit Gr6goire und Mirabeau hob er an; die ruhmreiche Union, der Sie als Bürger angehören, that den ersten und damit größten Schritt; Frankreich ahmte deren Beispiel nach, und Holland sammt Belgien folgten ihm; im übrigen westlichen Europa — denn vom Osten lasten Sie mich schweigen — dauerte es viel länger, und dies war unsere Zeit. Am längsten währte es in unserem theuren Vaterlande, in Deutschland. Hier, wo die Ideen so tief, darum aber auch langsamer gehen, die Sitten langsamer sich wandeln, die Vorurtheile langsamer schwinden, hier bedurfte der Sieg der Humanität für das Judenthum einer deutschen Zähigkeit. Darum hat er sich aber auch gerade in diesem Lande vertieft. Hier, wo die Denker, weil sie jeden Gegenstand von allen Seiten und in allen Dimensionen zu betrachten gewohnt sind, immer wieder neue Gründe für falsche Prämiffen finden, beschränkte man sich nicht darauf, die bürgerlichen Rechte zu erlangen, die socialen und gesellschaftlichen Hindernisse zu beseitigen, sondern mit dem Ziele vor Augen, nicht allein den Juden, sondern auch dem Judenthume seine Rechtfertigung, seine Anerkennung und Wirksamkeit zu erobern, begann eine neue Durcharbeitung, eine wissenschaftliche Durchforschung und Behandlung des Judenthums, um ihm als weltgeschichtlicher Erscheinung ein allgemeines Verständniß, eine allgemeine Würdigung in den jüdischen, wie in den allgemeinen Kreisen zu verschaffen. Wir wissen Alle sehr wohl, daß dies noch lange nicht gelungen ist — aber im P rincipe ist es erreicht! Gerade hierin aber liegt der zweite Theil jener Aufgabe: das Judenthum für die Humanität zu erobern. Niemanden, der aufrichtig und im Dienste der Wahrheit unsre heiligen Urkunden durchforscht, ist es zweifelhaft, daß im mosaischen Gesetze und in der prophetischen Auslegung alle erhabenen Grundsätze der sittlichen und socialen Größe, die Principien der staatlichen und persönlichen Freiheit, der Einheit des Menschengeschlechtes, der Gleichheit vor dem Gesetze und der Brüderlichkeit verkündigt und ausgesprochen, und daß diese Grundzüge niemals vom Judenthume verleugnet worden sind. Es hat niemals einem Mitmenschen das Bürgerrecht der Erde versagt, „ein Gesetz und ein Recht soll dem Fremdling wie dem Einheimischen sein" — niemals eine Menschenseele von dem Bürgerrecht des Himmels