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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-02-01 · Heft 5 (1.2.1870) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 5 (1.2.1870)
Date
1870-02-01
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
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78 Wissen gleichzukommen: so ersetzt ihnen dieses die Wissenschaft in reichlichem Maße. Denn durch das tiefere Verständniß des Ganzen und von diesem aus des Einzelnen, durch die geistige Bildung und die Methode, welche die Wissenschaft gewahrt, wird Demjenigen, der sich ihr dauernd hingiebt und widmet, der Weg erleichtert und das Ziel erhöht. Darum ist es in der Gegenwart auch nur durch die Wissenschaft möglich, genügende Kenntniß und tüchtige Befähigung zu erlangen. Andrerseits aber vermag nur durch die Wissenschaft das Judenthum diejenige Höhe zu erreichen, auf welcher es als welthistorische Erscheinung ebenbürtig im Kreise der menschheitlichen Cultur den ihm gebührenden Platz einnehme, und erst die wissenschaftliche Bearbeitung desselben macht seine Bekenner fähig, der großen Mission zu dienen, zu welcher Israel berufen ist, zu welcher es, seitdem wir aus den Ghetti's herausgetreten, vorzugsweise berufen ist, nämlich dem großen und ewigen Lehr- und Gedankeninhalt unsrer Gotteslehre immer mehr die Wege in die gesammte Menschheit zu bahnen. Hierin liegt die Unentbehrlichkeit, die Nothwendigkeit, das nicht mehr abzuweisende Bedürfniß einer „Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums," die an eine große deutsche Universität sich anlehnend, zunächst die Wissenschaft des Judenthums selbst, und dann die Bildung des höheren jüdischen Lehrstandes zum Ziele hat. Wer einen auftichtigen Sinn und ein offenes Herz für das Judenthum, für dessen Erhaltung und Fortbildung in sich trägt, der kann sich diesem Gedanken nicht entziehen, der muß diesem Entwürfe feine thatkräftige Unterstützung leihen! Mit dem Augenblicke aber, wo dieser Gedanke nicht blos ausgesprochen, sondern bereits zum Theil zur That geworden, ist es auch zugleich eine Ehrenpflicht der deutschen Israeliten, die weiteren Mittel nicht zu versagen, damit das begonnene Werk .vollständig ins Leben zu treten vermöge. Die erforderlichen Mittel sind für eine solche Gesammtheit durchaus nicht allzu schwer zu beschaffen. Hierin würde also keine Entschuldigung liegen. Wohl aber müßte es uns zur großen Unehre gereichen, wenn man sagen könnte: für diesen erhabenen Zweck, der doch zugleich einem dringendsten Bedürfniß abhelfen soll, haben die deutschen Israeliten keinen Sinn gehabt und vermochten dafür kein Opfer zu bringen! Was bis jetzt innerhalb unsrer Kreise geschah, betraf entweder unsre bürgerliche Rechtsstellung oder Werke der Wohlthätigkeit. Jetzt gilt es, eine Anstalt des Geistes zu gründen, deren Früchte uns Allen zugute kommen, ja der gesammten geistigen Welt nützlich fein werden — sollte hierfür alle Thatkrast fehlen, alle Begeisterung verschwunden sein? Dies ist nicht glaublich; dies vorauszusetzen, wäre schon ein Unrecht. Unser Stamm epistirt für eine Idee, wie sollte er für die Idee schwach und abgestorben sein? Unsre Väter haben überall mit vollen Händen Lehrhäuser gegründet, und darin ihre höchste Befriedigung gefunden: sollen wir für ein solches, nach dem höchsten Maßstabe unsrer Zeit herzurichtendes verschlossen sein? Gebt, Israeliten Deutschlands, eine rasche und volle Antwort auf diese Frage; schlagt durch eine energische That alle Zweifel nieder, und beweiset so, daß Euch inmitten der zeitlichen Bestrebungen für die höchsten Interessen der Religion und der Geistesbildung ein warmes Herz schlägt! Möge sich hier wiederholen, was die h. Schrift bei Errichtung des Heiligthums bemeldet (2 Mos. 36): „Und die Söhne Israels brachten zu Moses noch immer Spenden, Morgen für Morgen; da kamen alle die Künstler, welche die heilige Arbeit ausführten, und sprachen zu Moses: Mehr bringt das Volk als nöthig zum Dienste der Arbeit!"*) Zum dentsch-israelitischen Gemrindebnnde. ui. Die jüdischen Gemeinden in der Zukunft. Der neuliche Vorgang zu Karlsruhe und dessen Folgen für die jüdischen Gemeinden des Großherzogthum Baden sind geeignet, unsre Blicke hinsichtlich der jüdischen Gemeinden aus die Zukunft zu lenken. Das Princip, das sich in Baden geltend gemacht hat, nämlich daß es jedem jüdischen Individuum sreisteht, sich der Gemeinde seines Wohnorts anzuschließen oder nicht, scheint einer der Grundsätze, welche sich mit der Zeit in allen Ländern geltend machen werden. In den meisten Staaten ist gesetzlich ausgesprochen, daß jeder Jude zur jüdischen Ortsgemeinde gehören und verhältnißmäßig contribuircn *) Bon diesem Aufrufe, so wie von dem Statut können Theilnehmende, welche für den Zweck wirken wollen, Exemplare nach Bedarf von dem Herausgeber dieser Zeitung gratis erhalten.

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