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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-01-25 · Heft 4 (25.1.1870) · p. Seite 74

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 4 (25.1.1870)
Date
1870-01-25
Page
Seite 74 (sequence 18)
Language
German
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74 genauer kennen zu lernen, und möglichst zum griechischen Wesen herüberzulenken. Der Zug der Gelehrsamkeit, welcher ganz besonders hier die griechischen Studien ausfüllte, konnte die großen Products des jüdischen Geistes nicht ganz übersehen und fand selbst in der sich an- und fortspinnenden Feindseligkeit, in dem erstandenen Kampfe Motive, um sich die jüdischen Erzeugnisse zu eigen zu machen. Indem aber andererseits die Juden selbst die griechische Sprache annahmen und die hebräische der Masse entschwand, entwickelte sich auch in ihnen Las Bedürfnis auf ihrem eigenen Gebiete in griechischer Zunge zu reden. Hieraus entspann sich eine jüdisch-griechische Literatur, von der uns sehr bedeutende Denkmäler übrig geblieben, sehr viele nur in kleinen Ueberresten, viele auch nur dem Namen nach. So viel wir davon übrig haben, verrathen sie uns die dreifachen Motive ihres Entstehens, die wir soeben angegeben haben. Merkwürdig ist es, daß die Uebersetzung der heil. Schriften, welche den Namen Septuaginta trägt, und zwar vorzugsweise die griechische Uebertragung der 5 Bücher Mosis den Grund- und Eckstein dieser ganzen Literatur bildet, also auch hier dieselbe Erscheinung, wie in der Originalliteratur der Hebräer, leicht erklärlich und naturgemäß, aber verschieden von dem Gange der Literaturen aller Völker. So wenig wie historisch Wahres an der bekannten Legende über den Ursprung der Septuaginta ist, so sicher scheint das Factum daraus hervorzugehen, daß der erste Anstoß von den Ptolemäern ausging, und das Werk gewissermaßen auf einem Compromiß zwischen den griechischen Herrschern und den Juden beruhte. Diese Uebertragung beherrschte fortan die ganze, sich nunmehr entwickelnde jüdisch-griechische Literatur, von der wir kein Erzeugniß kennen, welches nicht die Spuren der Benutzung der Septuaginta trägt und nicht eine nur geringe Kenntniß des Originals verräth. Selbstverständlich hat nun diese jüdisch-griechische Literatur ihren prosaischen und poetischen Zweig. Wir haben von jenem philosophische Arbeiten (Philo), Geschichtsschreibung (Josephus) und Arbeiten, die sich unmittelbar der biblischen Literatur anreihten (die sog. Apokryphen). Daß aber auch jüdische Dichtungen in griechischer metrischer Sprache und in hellenischer Kunftsorm bestanden, war lange Zeit wenigstens der jüdischen Welt unbekannt. In diese letztere führten wir jene vor jetzt vierzig Jahren durch eine kleine Schrift*) ein, und seitdem sind für diesen Zweig ganz besonders durch Arbeiten deS Prof. Bernays neue Entdeckungen gemacht worden, welche ihm eine größere und längere Ausdehnung vindicirten. Wir geben von vornherein zu, daß diese jüdisch-griechischen Dichter alles ästhetischen Werthes entbehren und *) ’E&xift.ov iov rwv ‘lovtiuixwv TQCtytoöitüv rtoiqrov ’EZaywyrxui 4>t7.(avos zov TtotaßvziQov 'ItQocröXv/j«. Ezechiel des jüdischen Traucrspictdichters Auszug aus Egypten undPhilo deS Acltcren Jerusalem. Nach ihren Fragmenten hcrausgegeben, übersetzt und commrntirt von L.M. Pbilippson. Berlin, 1830. auf künstlerisches Verdienst nicht den geringsten Anspruch machen können. Aber historisch sind sie von großer Bedeutung. Sie in Verbindung mit ihren prosaischen Brüdern erweisen, daß der jüdische Geist in der langen Zeit zwischen dem Abschluß des Kanon bis zur Abfassung der Mischna lebendig und thätig gewesen, und die vier Jahrhunderte nicht nutzlos vorübergehen ließ; ferner daß derselbe auch damals bei dem Contacte mit einem fremden Genius sich dessen Formen anzueignen und in ihnen sich zu äußern verstand; endlich daß er in diesem Falle auch das Streben hatte, aus sich heraus zu gehen uud auf die andere Welt zu wirken. Davon zeugt in geringen Spuren die Periode der babylonischen Gefangenschaft, und hieraus die jüdisch-griechische Epoche, um dann dieselbe Erscheinung in der christlichen und mohammedanischen Welt hervorzubringen. Unsre Leser werden es daher gern sehen, wenn wir ihnen hier nach und nach einige Bilder aus dieser jüdisch-griechischen Poesie verführen. Wir haben aber auch hier, so wenig umfassend dieses ganze Gebiet ist, doch wieder zwei Perioden zu unterscheiden. Die ältere, die sich unmittelbar au die Septuaginta schließt, behandelt nationale Gegenstände aus freier, dichterischer Bewegung; die Namen der Dichter sind uns bei ihren spärlichen Resten ausbewahrt, und sie treten als das aus, was sie sind. In einer späteren Zeit ist es anders. Es war die Zeit, wo Judenthum und Heidenthum, später auch das Christenthum, unter einander wogten und rangen. Man wollte auf einander wirken, konnte dies aber unter den gegebenen Verhältnissen nicht mit offenem Visier. Es kam eine Literatur aus, die sich hinter die Maske der ältesten antiken Poesie und Mythe versteckte, um durch den Mund der Sibyllen und mythischer Dichter die die Gegenwart beherrschenden und streitenden Lehren auszusprechen. Dieses Drittel ergriffen Heiden und Juden und später auch Christen. Die Verfasser treten also nicht mit ihrer Person auf, und es bedurfte der scharfsichtigsten Combination, um die schaffenden Personen und Kräfte aus der angenommenen Hülle zu lösen und zu erkennen. Doch hierüber später, wir haben es zunächst mit den ersteren zu thun. 1. Ezekielos der Tragödendichter. Die erste Erscheinung, die wir hier einzuführen haben, ist sofort eine solche, welche äußerlich weit ab von; der väterlichen Sitte liegt. Aus äußeren und inneren Gründen läßt sich das Factum erklären*), daß die Israeliten, so wenig, wie die Araber und Perser, nicht zum Drama gekommen sind — denn was man bisweilen dafür ausgab, das Buch Hiob und das Hohelied, wird jetzt Niemand mehr dafür ansehen. Desto merkwürdiger ist ein jüdischer Tragödiendichter, der uns zunächst in der jüdisch-griechischen Periode entgegentritt. Der Kirchenvater Eusebius entlehnt im 9. Buche *) Indem wir hier nur die Ergebnisse der angestellten Unrersuchungen geben, verweisen wir über weitere Beweise, speciclle Anmerkungen und Citate aus unsere angeführte Schrift.

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