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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-01-25 · Heft 4 (25.1.1870) · p. Seite 63

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 4 (25.1.1870)
Date
1870-01-25
Page
Seite 63 (sequence 7)
Language
German
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63 des Weltmarktes, seine Production nicht verwerthen kann, so verarmt das Volk, es wird indolent und träge, und ein großer Theil des Bodens — in Rumänien noch jetzt ein ganzes Drittel — bleibt unbearbeitet; die Arbeitskräfte vermindern sich, weil sie keinen auskömmlichen Lohn erhalten. Dem gegenüber wird der Adel in seiner halben Cultur verschwenderisch, verschuldet und trotz seines großen Landbesitzes arm. Dies ist die Beschaffenheit Rumäniens. Der Bürgerstand fehlt. Aber ein Land kann niemals der industriellen Vermittelung entbehren; auch auf der niedrigsten Stufe bedarf es des Handelsverkehrs. Da müffen bei einem solchen Volke die ursprünglich Fremden eintreten. Unter den gegebenen Verhält nisten sind sie unentbehrlich und ein Segen. Es versteht sich, daß sie große Vortheile aus diesem Berhältniffe ziehen, aber ohne sie würde das Land immer tiefer und zu unermeßlichem Elend und Jammer hinabsinken. Was kann in einem solchen Falle vernünftiger Weise eine Nation thun? Nichts Anderes, als — diese fremden Elemente sich assimiliren, sie sich aneignen und durch Rechtsgleichheit und billige Behandlung patriotisch machen, bis sie mit der Nation völlig verwachsen sind. In Rumänien gaben Griechen, Serben, Bulgaren, Armenier, europäische Anzügler und Juden diesen Zwischenstand, diese Vermittelung für die Industrie, diesen Bürgerstand ab. Aber statt die Berhaltniffe in ihrem wahren Lichte zu schauen, die Nothwendigkeit und Unentbehrlichkeit jener einzusehen, zogen die Rumänen nichts als Neid und Haß daraus, glauben sich von diesen „Fremdlingen" beeinträchtigt, meinen, daß was diese betreiben und besitzen, eigentlich den Rumänen gehöre, und geben sie für Schmarotzerpflanzen aus, während sie, wie der Franzose sagt, in Wahrheit „der Dünger für ihr Land sind." Da sie nun an die anderen fremden Elemente aus politischen Gründen nicht herankönnen, so werfen sie sich mit ihrem ganzen inneren Aerger auf die schutzlosen Juden, die ihnen durch Religion, Lebensart und Charakter noch ferner stehen als die anderen. Der große, folgenreiche Fehler, den die Rumänen hiermit begehen, ist offenbar; denn gerade die Juden wären das Element, welches sich die Nation am ehesten aneignen könnte; gerade die Juden haben eine anderwettige staatliche Existenz nicht; sie erachten das Land ihrer Geburt und ihres Aufenthaltes für ihr Vaterland; sie sind überall geneigt, den Jntereffen deS Staates, der sie in sich aufnimmt, sich hinzugeben und sich für sie zu begeistern. Die Rumänen wüthen daher geradezu gegen ihr eigenes Fleisch, da stie sich wie toll gegen die Juden benehmen. Wir kommen nun zu den Verhandlungen selbst und geben sie nach einer Skizze des „Pester Lloyd," hier und da einige Bemerkungen hinzufügend. In der Sitzung vom 28. December war die angemeldete Interpellation des Deputirten Jon Codrescu an der Tagesordnung. Diese Forderung um Aufklärung war an das Gesammtministerium im Allgemeinen, an den Premierminister unv den Minister des Aeußern aber insbesondere gerichtet, und betraf die Bewegung der Israeliten in Rumänien und die Thätigkeit der in Paris unter dem Namen „Universelle israelitische Alliance" bestehenden Gesellschaft. Codrescu stellte vor Allem den Satz auf: daß es sich bei dieser Frage nicht mehr darum handle, daß einzelne Individuen ins Land kommen, um sich hier ein ruhiges Stückchen Brot zu verdienen, sondern daß hiervon der Invasion einer Nation die Rede sei, die eine andere 'Nation überschwemmen wolle. Nun geht Redner auf die Thätigkeit der Pariser israelitischen Alliance über, zeichnet in grellen Farben die Tendenzen derselben, die dahin gingen, einen israelitischen Staat zu gründen, wozu eben der Orient und speciell Rumänien in Aussicht genommen sei; citirt zum Beweis dieser seiner Behauptung mehrere Auslassungen journalistischer Organe der Alliance*) und stellt sodann die folgenden statistischen Bemerkungen an: Im Jahre 1849 befanden sick — laut amtlichen Ausweisen — 11,056 israelitische Familien in der Moldau; folglich kam 1 Jsraelite auf 27 Rumänen.— Im I. 1869 aber beträgt die Zahl der Israeliten 400,000. Diese Ziffer sei in dem Berichte des Rabbiners Lewy an die Alliance und durchaus nicht zu hoch gegriffen. ** i Hiervon entfallen 25—:io,0o0 auf das Land diesseits des Milkov «Walachei^, der Rest aber auf das Land jenseits des Milkov «Moldau). Die rumänische Bevölkerung der Walachei auf 5 Millionen, jene der *> Wir möchten wohl diese Citate kennen! Einen jüdischen Staat, und das in Rumänien! Wie kann ein Mensch solchen Unsinn vortragen, so lange er noch auf ein Fragment von Vernunft Anspruch macht! Die Redaction. **) Das Echo Danubien hat es genau statistisch nachgewiesen, daß die Zahl der Juden in ganz Rumänien nur ca. 120,000 Seelen ist. Die Redaction.

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