Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-01-25 · Heft 4 (25.1.1870) · p. Seite 59

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 4 (25.1.1870)
Date
1870-01-25
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226744-3226749--28005-3301805
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

59 Ausrede. Hieran scheiterte die Sache; denn abgesehen von den auffallenden reichen Berliner Geldkräften trat das Beispiel Berlins hindernd dazwischen und kühlte die anfängliche Begeisterung in den Provinzen ab. Wie? hat also nicht Berlin eine Ehrenschuld gegen diese Idee zu zahlen? Ist die Zeit nicht gekommen, wo endlich das nöthige Geld von dem Tische genommen werde, auf welchem es schon gelegen? Endlich aber liegt in dem Beginne eines Unternehmens schon eine Berpstichtung es durchzuführen. Wenn ein solcher Gedanke Jahre laug in hervorstechenden Kreisen einer Gemeinde wie Berlin besprochen, berathen und betrieben worden, wenn ein Counts dafür Zusammentritt, wenn dies Versammlungen ehrenwerther Männer beruft, das Statut feststellt, den Verein constituirt, das Curatorimn wählen läßt — dauu ist es eine Ehrensache Berlins geworden, die Anstalt ins Leben zu rufen! Dann wäre es ein untilgbarer Fleck an der Ehre und dem Glanze dieser Gemeinde, wenn diese Institution aus Mangel an Geldunterstützung nicht zu Stande käme. Es handelt sich diesmal um eine Anstalt des Geistes, der Wissenschaft, der Pstege des religiösen LcbeuselementeS — sollten unsre Glaubensgenossen in Berlin hierfür weniger Her; haben, als für Kranken-, Waisen- und Armenhäuser, für welche sie schon so viel gethan? Sicher, es würde ein eigenthümliches Licht auf ihre geistigen Zustände werfen, auf die wahrhafte Bildungsstufe, die sie erreicht, wenn die Bemühungen um diese Hochschule vergebens, erfolglos wären. Die Ausdauer, welche Sie, meine Herren, in diesen zwei Versammlungen für die Durchberathung des Statutes erwiesen haben, läßt unbedingt auf den Eifer schließen, welchen Sie diesem Gedanken gewidmei, auf die Liebe, die Sie ihm zugewandt. Darum können wir wohl darauf rechnen, daß Sie diese edle Begeisterung nach Außen und weiter tragen werden — und dann kann es nicht bezweifelt werden: der Erfolg wird ein glücklicher, ein großer, ein rascher sein!" So ungefähr hätte ich gesprochen, bedaure es aber kaum, daß die Zeit und Stimmung nicht mehr dazu vorhanden waren, denn ich halte mich überzeugt, 'daß die Männer, die an diesem Abend das Protokoll sänuntlich unterschrieben, meiner Worte nicht bedurften, um sich für diese edle Idee zu begeistern. Es versteht sich übrigens von selbst, daß wir uus ebenso an die gesammte deutsche Judenheit zu wenden haben, wie an die jüdische Bevölkerung Berlins. Diese hat auch nicht im Geringsten das Recht, jener allein die Opfer für ein Werk aufzubürden, das für die Gefammtheit bestimmt ist und von der Gesammtheit getragen werden muß. Es kann von Berlin nur ein bedeutender Anfang, ein vorleuchtendes Beispiel in den Beiträgen für dieses Institut verlangt werden; ja, es wäre vielleicht nicht einmal ganz zweckentsprechend, wenn das übrige Deutschland nicht einen umfassenden Antheil an der Fondirung nehmen sollte, weil in solchem Falle es an der Anstalt, ihrer Einrichtung und Fortentwickelung keinen beeinflussenden Antheil haben könnte. Hierüber das nächste Mal. Zum Rendanten des Vereins ist Herr Commercienrath B. Liebermann, zum Cassirer Herr Banquier Herrmann G old schm idt in Berlin erwählt worden. Die westrussischen Inden, in. Unter den obwaltenden Umstanden ist für daß Geschick der in so tiefes Elend versunkenen westrussischen Juden die wichtigste Frage: wie stellt sich die russische Regierung zu dieser Angelegenheit? Und zwar gilt dies nach zweien Richtungen hin. Befördert die russische Regierung die Auswanderung dieser Juden in das Innere des russischen Reiches, indem sie ihnen Freizügigkeit und freie Thätigkeit des industriellen Verkehrs gestatten wird? Oder wird sie die Auswanderung dieser Juden nach dem Auslande gestalten? Oder wird sie Beides nicht thnn, sondern ruhig zusehen, wie diese Bevölkerung immer tiefer und tiefer sinkt? Es ist allerdings schwer, sich hierüber ein bestimmtes Urtheil zu bilden, da die russische Regierung unzugänglich, in ihren Aeußernngen zurückhaltend und selbst nach ihren Maßnahmen schwer zu beurtheilen ist. Wir gestehen osten, daß wir uns deshalb mehrfach an hervorragende Männer in Rußland gewandt, denen wir sowohl Sachkenntniß als unparteiisches Urtheil und endlich aufrichtige Theilnahme an dieser unglückseligen Angelegenheit Zutrauen konnten. Ihre Antwort war stets — Stillschweigen. Keine Antwort ist auch eine Antwort; denn jenes Stillschweigen bedeutet uns nichts Gutes und zugleich, daß man fürchtet, eine Aeußernng darüber zu thun. Dennoch wollen wir uns die Sache aus niehrfachen Vorlagen klar zu machen suchen, und uns zwingen, dabei möglichst kaltblütig zu bleiben, aber freimttthig 4*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.