Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1870)
- Date
- 1870-01-25
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
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58 wohl für die Sache selbst liegt der Schwerpunkt in dem erreichten Zustandekommen des Statuts und in der Herbeischaffung der Geldmittel, die zum größten Theile noch zu bewirken ist. Einige Einwendungen müssen wir aber doch zurückweisen. Man hat gemeint, das Comits hätte eine allgemeine öffentliche Versammlung zusammen berufen sollen, weil dadurch die Theilnahme allgemeiner geweckt worden wäre. Wir glauben, daß dies der zweckwidrigste Weg gewesen wäre; denn in eine solche Versamrnlung pflegen nicht selten auch unlautere Elemente sich einzumischen, denen die Angelegenheit sehr fern liegt; die Berathung eines solchen Statuts ist dann nur eine schleppende und in ihren Resultaten höchst fragliche, und zuletzt weiß man nicht, ob aus der Menge der Anwesenden auch nur ein geringer Theil sich werkthätig beweisen könne und werde. Eine so bedeutungsvolle Angelegenheit will von einer kleineren Zahl dafür interessirter Männer begonnen und hinausgetragen sein, um von diesem festen Kerne aus sich immer weitere und weitere Kreise zu erobern. Man hat ferner eingewendet, warum -nicht die alten wissenschaftlichen Capacitäten Berlins eingeladen worden seien. Wenn es sich um die inneren Einrichtungen, um den Lehrplan, um den Lehr-Cursus und alle diesen betreffende Veranstaltungen gehandelt hätte, wäre der Einwand gerechtfertigt gewesen. Hier aber, wo es nur galt, in praktischer Weise den äußeren Rahmen auf- und sestzustellen, waren diese Gelehrten, so vollen Respect man ihnen sonst zuerkennt, nicht von Nöthen, und die Erfahrung hat gelehrt, daß nur wenige von ihnen praktischen Tact genug besitzen, um etwas herzustellen, was noch nicht bestanden. Sie gehören nothwendig in den Beirath, wo ihre Stimme von hoher Bedeutung sein wird. Wenn die zweite Versammlung nicht schon von sieben Uhr Abends bis Mitternacht gewährt hätte, so daß die Anwesenden froh sein mußten, das Ende glücklich erreicht zu haben, so hätten wir gern noch einige Worte vor dem Schluffe an sie gerichtet, Worte, die wir hier aussprechen wollen. Wir hätten ungefähr gesagt: „Meine Herren, Berlin hat eine Ehrenschuld zu lösen durch die Gründung dieser jüdisch-theologischen Facultät oder Hochschule für die Wissenschaft des Judenthmus. Und zwar aus allgemeinen und besonderen Gründen. Aus allgemeinen, denn Berlin hat seit vielen Jahrzehnten für die preußische und deutsche Judenheit, für die Hebung und Entwickelung des Judenthums durchaus nicht das gethan, wozu es befähigt und deshalb berufen war. Die Stellung, welche die berliner jüdische Gemeinde seit Mendelssohn, und welche Berlin überhaupt einnimmt, weist jener den ersten Platz für Deutschland und hiermit nach den gegenwärtigen Berhältniffen des .gesammten jüdischen Stammes in seiner jüdischgeistigen Entwickelung für die gesammte Judenheit an. Sowie ehemals der Pulsschlag des jüdischen Geistes nach einander in Palästina, Babylonien, Spanien, Italien und selbst in Polen vor sich ging, so seit einem Jahrhundert in Deutschland, und wenn wir diesen also gewissermaßen localisiren wollen, so muß Berlin als der energische Lebensmittelpunkt erachtet werden. Blicken wir aber in die Vergangenheit zurück, so ist, was Lebensvolles geschehen und geschaffen worden ist, nicht von Berlin ausgegaugen', und hat daselbst nicht die kräftigste Unterstützung gefunden. Welche Umstände hierzu beigetragen, habe ich nicht zu untersuchen; aber einsichtlich ist, daß dadurch die Verpflichtung der Juden Berlins nur um so mehr angewachsen ist. Bei welchem Werke vermöchte diese nun segensreicher gelöst zu werden, als bei Gründung der jüdisch-theologischen Facultät! Aber es walten auch besondere Umstände ob, um derentwillen wir die Stiftung dieser Hochschule als eine Ehrenschuld der Berliner Israeliten ansehen dürfen. Als ich vor 32 Jahren in Nr. 88 des ersten Jahrgangs dies. Zeit, den Auftuf zur Gründung einer solchen Facultät veröffentlichte, kam ein Mitglied des damaligen Berliner Vorstandes, der sel. Behrens, zu mir, und sprach: „Als wir, der Vorstand, Ihren Aufruf empfangen und gelesen, standen wir auf und sagten: das Geld liegt so gut wie auf dem Tische. Wir bedürfen weiter nichts, als der Erlaubniß des Ministeriums zum Collectiren. Diese müffen Sie uns erst verschaffen." Ich bemühte mich sofort um diese Erlaubnitz und erhielt sie bereitwillig durch den damaligen Cultus- und Unterrichtsminister. Als ich aber nunmehr das ministerielle Rescript dem Berliner Vorstande übersandte — blies der Wind bereits anders woher. Man erinnere sich, daß wir damals noch in einem Zustande der Naivität uns befanden; es war im Anfang des Jahres 1838; in Berlin gab es noch keine Parteien und Parteiführer. Somit waren es nur gewiffe damals einflußreiche Persönlichkeiten, vielleicht nur eine, die dazwischen getreten. Kurz, die Antwort lautete: „Die Berliner Gemeinde müffe zuvor ihr Armenwesen in Ordnung bringen." . . .Ja, armselig war diese