Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1870)
- Date
- 1870-01-18
- Page
- Seite 55 (sequence 19)
- Language
- German
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55 fein; man wird immer vorwärts gedrängt werden, während ein anderer Theil Zurückbleiben und noch weiter zurückschreiten will. So auch die Besetzung der Pfarrämter, die theils ein priesterliches Ansehen behalten haben, theils ein Lehramt geworden; der Fürst ist zum Landesbischof gemacht, und die Gemeinde ist die eigentliche Kirche. So verlangen beide Theile die souveräne Gewalt über das Amt." Bernhard lächelte ein wenig, und fragte: „Auf wessen Seite stänvest Du denn, auf der der Regierung oder der Gemeinde?" „Ich stehe allezeit auf der Seite der hergebrachten, der ewigen Ordnung, und will jede Neuerung aus diesem Gebiete zurückgewiesen haben. Nur dadurch kann das Leben die Festigkeit unv Sicherheit behalten, ohne die es kein Strom, sondern eine Überschwemmung ist, welche Schlamm und Sand auf den fruchtbaren Fluren zurückläßt'." Er hatte dies mit einer gewissen Heftigkeit gesagt, und sein Auge sah dabei so trübe und düster aus, daß Bernhard zuerst erstaunte, dann erschrak. Er überlegte. Ist dies wirklich die Ueberzeugung Deines Freundes? Dann schweige, sagte er zu sich selbst, dann bist du mit ihm fertig. Aber ich glaube es nicht; ich habe seinen Geist bei zu vieler innerer Arbeit belauscht, als daß er hierbei beharren könnte. Dieses Feuer bei tiefer Schwermuth zugleich beweist vielleicht, daß er nur diese Festigkeit behaupten will, wahrend es in ihm schwankt und ringt. Noch einen durchdringenden Blick richtete er auf den Freund, dann sprach er: „Hergebrachte, ewige Ordnungen! Das ist eine gefährliche Verwechselung! Hergebracht heißt überliefert, aus den Zeiten entsprungen und übertragen; ewig heißt mit dem Wesen des Dinges so ein und daffelbe, daß es mit ihm begonnen hat und mit ihm enden muß. Willst Du der Gemeinde gar kein Recht zusprechen?" „Nein, wenn sie keines besitzt." „Erkennst Du keine Entwickelung in menschlichen Dingen an?" „Nur bis zu einem gewiffen Punkte. Wenn ein Ding sich allseitig ausgebildet hat, geworden, wie es besteht: dann muß es so bleiben, und die Entwickelung heißt nichts anderes als Zerstörung. Hierzu kömmt, laß Du die Gemeinde ein von ihr nicht besessenes Recht erringen, und sie wird dies bald nach allen Seiten hin thun wollen, und die Revolution, der Umsturz ist da." „Aber kannst Du denn die Entwickelung unterdrücken? Und wenn sie nach Deiner Ansicht die Zerstörung ist, und ein Ding ist reif geworden, zerstört zu werden, wie willst Du ihm ein ewiges Dasein aufnöthigen? Schau Dich doch um, Freund, in der Natur — hast Du da Etwas, das ewig ist? Blick auf jenen Trümmerhaufen von Steingerölle; das ist nichts als Bruchstücke, die einst auf der Spitze jenes noch immer stattlichen Felsens prangten. Scheint Dir dieser Felsen ewig, ohne Entwickelung, ohne Umgestaltung, weil die Veränderungen an ihm erst nach Jahrhunderten sichtbar werden? Aber die Verwitterung geht immer vor sich, die Lust, die ihn umweht, nagt an ihm, der Regentropfen höhlt ihn aus, das zerschmelzende Eis in seinen Furchen zersprengt ihn. Es ist kein Unterschied zwischen ihm und jenem verwesenden Eichbaume dort in der Schlucht, der mehr als ein halbes Jahrtausend in die Luft geragt hat, und kein Unterschied wieder zwischen diesem und den Thieren, die um ihn fliegen, laufen oder kriechen, und ihr Dasein nach wenigen Jahren, Monden oder Tagen messen. Da ist nichts dauernd. Alles entwickelt sich, Alles wird zerstört, aber unterdeß ist Anderes schon an seine Stelle getreten." Die Worte unseres Freundes hatten auf Johannes einigen Eindruck gemacht, und er fragte: „Was willst Du aber hiermit beweisen?" „Ich maße mir nicht an, über das ganze Universum, über die unermeßliche Schöpfung Gottes ein Urtheil zu fällen ans dem schmalen Gesichtskreise heraus, der uns Menschen eröffnet worden. Aber auf diesem Erdball ist nichts dauernd, sondern Alles in steter Bewegung, in immerwährender Umgestaltung. Wie könnte dies nun der Mensch beanspruchen mit seinen Werken und Schöpfungen, ja, wie könnte er es sich nur so denken? Worte, prunkende Phrasen werden das nicht verdecken, was in seinem Innern doch lebt und Besorgniß und Furcht weckt." „Aber wie? wandte der Andere nach einer Pause ein, wenn wir einmal Natur und Menschenwerk vergleichen, giebt es nicht in der Natur ewige Gesetze? Sprachst Du nicht selbst von immerwahrender Umgestaltung , giebst also selbst ein Immerwährendes zu, eine ewige Ordnung — so müßte dies ja auch im Menschlichen möglich fein." „Du hast Recht, siel Bernhard lebhaft ein, Gesetze, ich möchte sagen Naturgesetze giebt es auch im Menschen und in allem Menschlichen, ewige, unveränderliche Gesetze, nach denen die Veränderung, die Entwickelung, die Umgestaltung vor sich geht, nach denen das Neue aus dem Alten keim: und sprießt und wächst, bis das Alte abgestorben, und das Neue groß geworden, um jenes zu ersetzen. Aber so wenig wie die wirklichen Erscheinungen die Gesetze selbst sind, so wenig wie die Wesen bestehen bleiben, während die Gesetze dies thun — ebenso wenig kann ein menschliches Produkt, und scheine es ein Fels (Bernhard blickte hierbei seinen Freund an und dieser erröthete etwas — beide dachten wohl an den Fels Petri —), ein Eichbaum oder eine Eintagsfliege, sich für ein Gesetz selbst ausgeben und ewigen Bestand beanspruchen." Eine Wolke hatte eine Zeit lang die Sonne verdeckt. Jetzt war sie vorüber, und das Sonnenlicht brach grell wieder herab. Dies weckte unsre Freunde aus ihrer Geistesvertiefung, und Bernhard fügte hinzu: „Aber wir vergessen der herrlichen Gegend und genießen sie nicht über unser Geplauder. Brechen wir hier ab, und