Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1870)
- Date
- 1870-01-18
- Page
- Seite 54 (sequence 18)
- Language
- German
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54 entschlossen, es sich dies Mal nicht gefallen zu lasien. Aber ihre Ansprüche waren zurückgewiesen worden; die Regierung berief sich auf den seit zwei Jahrhunderten üblichen Usus und kündigte ihr den Mann an, der fortan ihre Kanzel einnehmen sollte. Die Gemeinde hatte eine Deputation nach dem bisherigen Sitze des neuen Pfarrers gesandt, um zu erfahren, von welcher Gesinnung und Amtsführung er sei. Die Thatsachen erwiesen, daß er noch schlimmer als sein Ruf und sein Vorgänger. Daher die tiefe Entrüstung Aller, mit Ausnahme der wenigen Anhänger des vorigen Pfarrherrn. Die Gemeinde hatte sich jetzt versammelt, um zu berathen, wie sie sich gegen den neuen Geistlichen benehmen wolle, um ihm seine Stelle in ihrer Mitte völlig zu verleiden. Das ging nun freilick lange Zeit bunt durcheinander, bis endlich ein robuster Bauer, der am stärksten schreien konnte, sich Ruhe verschaffte und eine Reihe von Maßregeln vorschlug, welcke freilich jede Amtsführung unmöglich gemacht, von denen aber nicht wenige Polizei- und Criminalstrafen nach sich gezogen hätten. Aber je toller sie waren, desto mehr erfuhren sie den Beifall der Menge, die schon anfing, sich ihres Sieges sicher zu halten, und den Abwesenden bereits auf seinem Rückzuge verhöhnte. Wirklich traf man Verabredungen über Kirchenbesuch, Gabenverweigerung, Richtverkauf von Lebensmitteln u. dgl. Man war noch nicht zu Ende, als der Schulze erschien mit seinem Amtsdiener, dem Hirten des Dorfes. Sie wurden mit einem Juchhe! begrüßt, und ihre Gesichter drückten so ganz jene bäuerliche Verschmitztheit aus, die, hinter der Miene von Einfalt verborgen, die ländliche Bevölkerung den Städtern gegenüber besitzt und ausübt. Der Schulze war mit seinen Bauern ganz einverstanden; aber in seiner amtlichen Eigenschaft durfte er sich nicht betheiligen. Er hatte jene ungestört berathen lassen; nun aber kam er ganz eilig herbei und forderte die Versammelten auf, sich nach Hause zu begeben, da er nach einem Schreiben erwarten müsse, daß der Herr Oberamtmann baldigst mit einigen Gensdarmen erscheinen würde. Aber der Sprecher von vorher rief: „Wir wollen nicht nach Hause gehen; wir verbleiben hier, bis der Herr Oberamtmann kommt. Keine Widersetzlichkeit, Kinder; aber er soll sehen, daß wir unzufrieden sind und uns schon helfen werden! Er soll uns nur reden lassen, wir wollen es ihm schon sagen!" Bis auf das Reden kam es auch so. Eine Viertelstunde später rollte der Wagen des Herrn Oberamtmanns vor, geleitet von drei Gensdarmen zu Pferde. Er fand den Schulzen, wie er die Versammlung zum Auseinandergehen aufforderte; sie zögerte, aber sobald der Oberamtmann dasselbe gefordert, verließen sie das Wirthshaus, fingen aber draußen auf dem Heimwege zu schreien und zu schelten an, ohne jedoch zu einer einzigen Verhaftung Veranlassung zu geben. Als unsre Freunde am andern Morgen von Afsmannshausen her den Niederwald betraten, gewahrten sie an einem Punkte, der den Blick ostwärts in die Höhen und Thäler gestattete, das Dörfchen, in einer Schlucht gelagert, in welchem sie gestern die dörfliche.Volksversammlung erlebt halten. Alsbald lenkte sich ihr Gespräch auf dieses Begegniß, und Johannes faßte es sofort aus einem höheren Gesichtspunkte auf. Der Morgen war köstlich; die Sonne so rein und golden aufgegangen wie selten; denn es hatte die Nacht über gewittert, und darauf ein lebhafter Wind alle Wolken zerstreut. Die Luft war erfrischend und der Morgen noch nicht so weit vorgeschritten, um der Augustsonne Zeit gelassen zu haben, die Atmosphäre wieder zu erhitzen. Die Pflanzenwelt war erquickt, und schien fast in Wald und Wiese das Grün des Frühlings wieder angenommen zu haben; in den Gebüschen sangen und zwitscherten die Vögel des Spätsommers, und mitten hindurch klangen über den Strom herüber die Glocken umliegender Dörfer. Das war eine Wanderung für kräftige, streb - und empfindsame Jünglinge! Unter dem blauen Himmel und den mannigfaltigen Lichtern, die durch das .Laub der Bäume und des Buschwerkes fielen, in der frischen würzigen Luft, bei Vögelsang und Glockenklang aus der weiten Berghöhe zu schreiten, und von Zeit zu Zeit durch eine Lichtung vorzugehen, um einen beseligenden Blick auf den tief unten wallenden Rheinstrom, den Segel- und Dampfschiffe befuhren, auf die Insel mit dem uralten Mäusethurm,' auf den gegenüberliegenden Höhenzug mit den malerischen Ruinen, aus die Meuschenwvhnungen, welche an den Ufern, an und auf den Höhen, in den Bergeinschnitten und Thälchen sichtbar waren, zu werfen, und immer weiter rüstig voranzuschreiten, der Fülle des Schönen bewußt, das hinter und vor ihnen lag — welch ein Jubel der Seele! Aber die Jünglinge waren bald so in ihr Gespräch vertieft, daß sie der Gegend und aller Herrlichkeit vergaßen. Es mußte Saiten in ihnen angeschlagen haben, welche zu den innersten ihres Herzens gehörten. „Bei uns Katholiken, bemerkte Johannes, weißt Du, ist es ein priesterliches Amt, und ein solches kann das Volk nicht vergeben. Es muß vom Priester selbst, also vom Bischof herrühren, weder die Regierung, noch die Gemeinde darf darein sprechen. Wie wird es bei Euch gehalten?" „Bei uns ist es einfach ein Lehramt, ohne jeden priesterlichen Charakter, und den Lehrer wählt sich das Volk selbst nach seinem Vertrauen. Hier hat kein Priester und keine Regierung darein zu sprechen, die Gemeinde ist frei in ihrer Wahl, und höchstens kann der Staat von Oberaufsicht wegen eine Bestätigung beanspruchen, wie dies in einigen Staaten auch für die Katholiken besteht." „Wer ganz vorurtheilslos, wie Du als Jude es vermagst, die Reformation beurtheilt, kann sich immerhin auf ihre Seite stellen, aber er muß doch zugestehen, daß sie überall auf halbem Wege stehen geblieben, und diese Hälfte des Weges wird für alle Zeit ein Zankapfel