Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1870)
- Date
- 1870-01-18
- Page
- Seite 56 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226748--28001-3301800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
56 setzen es, wenn es dir beliebt, an dem herzoglichen Jagdschlösse fort, wenn wir ein Frühstück genommen." „Ja, ja, rief Johannes lebhaft, aber noch Eines, bevor wir weiterschreiten. Erkennst Du denn keine ewigen Wahrheiten der Religion an? Antworte mir, aber bestimmt, nicht ausweichend!" „Ich brauche nicht auszuweichen, sprach Bernhard mild, ich kann Dir in bestimmtester Weise antworten. Ich erkenne diese ewigen Wahrheiten an, denn was die Religion an Wahrheit ausgesprochen, das ist nichts Anderes als der höchste Ausdruck für die innersten Gesetze unsrer Menschennatur, ohne die sie nicht werden und bestehen konnte, wenn sie auch den Menschen verborgen, unklar oder entstellt sind. Gott, den wir anbeten, die Liebe, die wir empfinden und üben, das Recht, das wir thun und festhalten, das sind ewige Wahrheiten der Religion, und nimm die ganzen Zehn-Gebote hinzu, sie sind es auch, und kein Deut kann davon zur Erde fallen. Doch das nur im Allgemeinen, um Dich zu beruhigen. Ich sehe, wir müssen uns gründlich aussprechen, wir kommen nicht darüber hinweg." «Fortsetzung folgt.» Curiosa. Jüngst hielt der Papst an seinen Waffenminister General Kanzler eine Ansprache, aus der folgende Stellen als die interessantesten mitgetheilt werden. „Es ist nicht wahr, daß Jesus Christus keine Truppen hatte, und daß er nicht im Nothfalle auch zur Gewalt seine Zuflucht nahm. Das Evangelium lehrt uns, daß er auf dem Oelberge zu seinen Jüngern sagte, daß er in jedem Augenblicke mehr als zwölf Legionen Engel um sich versammeln konnte-, er schritt zur Gewalt, als die Garibaldianer jener Zeit i.ipsissima verba des Papstes) in den Garten gegangen waren, ihn festzunehmen; er ließ sie bewußtlos niederfallen. . . . Was St. Petrus betrifft," fuhr der Papst fort, „so hatte er zwar keine Armee, aber er besaß eine Eigenschaft, die mehr werth ist als tausend Armeen: wenn Jemand sich seinem Willen widersetzte, so streckte er ihn mit einem einzigen Worte todt nieder; Ananias und Saphira sind deß Zeugen. Ich (sagte Pius lächelnd) besitze diese kostbare Eigenschaft nicht; darum brauche ich Soldaten, um das Ansehen meines apostolischen Amtes aufrechtzuerhalten." Der Papst erlaubt sich hierbei eine kühne Auslegung. Matth. 26, 53 sagt Jesus: „Oder meinest du, daß ich nicht jetzt kann meinen Vater bitten, und er mir mehr denn zwölf Legionen Engel zusenden wird?" JesuS hat also 12 Legionen, will sie aber nicht gebrauchen, der Papst schafft sich mit großen Kosten eine Armee an und wird sie stets verwenden, wenn es nöthig ist. Die Zuaven mit den Engeln zu vergleichen, ist auch etwaS kühn. Nach heutigem Geschmacke ist weder die Rede Jesu, noch die des Papstes. Bei Gelegenheit der Wiederwahl des Advocaten Cremieux zum Deputirten cursirte in Paris eine charakteristische Anekdote, welche der Deputirte selbst erzählt hat. Der Kirchenpatron einer kleinen Gemeinde in der Umgegend von Nimes hatte seiner Kirche am Tage seiner Hochzeit eine goldene Hostienkapsel geschentt. Einige Zeit darauf erzürnte er sich mit dem Pfarrer und verlangt und nimmt auch sein Geschenk zurück. Die Gemeinde ist empört über ein solches Benehmen, beschließt einen Proceß gegen den Patron anzustrengen und überträgt Cremieux die Sache. Nachdem der Advocat sich instruirt hatte, schreibt er an seine Clienten, die Municipalräthe: „Meine geehrten Freunde! Ihr Proceß kann sehr lange dauern und wird Ihnen jedenfalls theuer zu stehen kommen. Aber da Ihr Patron, ein guter Katholik, Ihnen das Ciborium weggenommen hat, so gestatten Sie mir, Ihrem jüdischen Vertheidiger, Ihnen ein anderes zu stiften. Ich habe mir bereits eins angeschafft und es per Eisenbahn expedirt. Am Sonntage werden Sie noch vor der Messe es erhalten haben. A. Cremieux." — Zwei Monate vergingen, ohne daß Cremieux von der Sache wieder etwas hörte. Endlich bekam er eines Morgens einen Brief mit großem Siegel. Darin bescheinigt der Municipalrath, sein edelmüthiges Geschenk empfangen zu haben und meldet zugleich, daß sein Cremieux's' Name auf das heilige Ciborium eingravirt worden sei... . Und der Maire selber benachrichtigt ihn noch in einem Postscriptum mit kalligraphischen Zügen, daß die Gemeinde habe in Montauban ein Portratt von Cremieux anfertigen und brillant einrahmen lassen, und daß dasselbe jetzt in der Kirche gegenüber dem Bilde des heiligen Nikolaus, des Schutzpatrons der Stadt, aufgehängt sei.- R. Verlag von Bamngärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck voll I. D. Hirfchfeld. Beralltwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.