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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-01-18 · Heft 3 (18.1.1870) · p. Seite 53

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 3 (18.1.1870)
Date
1870-01-18
Page
Seite 53 (sequence 17)
Language
German
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Allg (»(int Zeitung -es Zudenthums. Feuilleton-Beilage ui Nr. 3. Leipzig, den 18. Januar 1870. Die Klärung. (Fortsetzung.) 2. Bon diesem Augenblicke an waren die beiden Jünglinge die innigsten Freunde, und nachdem sie die nächsten Tage die Reise mitsammen fortgesetzt, kleine Abenteuer erlebt, Unwetter bestanden, Beschwerde und Genuß geteilt hatten, liebten sie einander, und wer da liebt — vermeidet sorgfältig, was ihn trennen könnte. Unser Bernhard hatte ein feines Berständniß oder vielmehr einen feinen Takt für die gesellschaftlichen Pflichten und Rechte, den ihm vielmehr Mutter Natur verliehen, als der Umgang herangebildet hatte, dessen er bis jetzt fast ganz entbehrt. Er ließ sich daher trotz der gegenwärtig überall lauernden Gelegenheit niemals auf religiöse und politische Gespräche ein, wenn nicht mit denen, welche er enau kannte und deren Ansicht und Ueberzeugung er zu emessen vermochte. Sie hielten sich also in ihren Gesprächen außer Berichten und Erzählungen aus ihrer Vergangenheit nur an wissenschaftliche Gegenstände. Hier zeigte sich die Verschiedenheit der beiden jungen Männer sehr bald. Bernhard besaß einen durchdringenden Verstand, einen Scharfblick, der sofort den Mittelpunkt der Frage, den Kern des Ja und Nein traf; aber er war leichtlebig, trat an tiefer gehende Fragen nicht von selbst heran, und verließ sie, sobald er sich orientirt, die Dinge zurechtgelegt und gefunden hatte, wie weit augenblicklich seine Erkenntniß gehe und was er bei weiterem Studium zu ergänzen hatte. Anders Johannes. Sein Interesse mußte geweckt sein, und dies geschah langsam, wenn er sich mit einem Gegenstände beschäftigen sollte. Dann aber ließ er ihn nicht, bevor er nicht mir ihm fertig geworden; er vertiefte ihn, so weit er es vermochte, und versenkte sich bis auf den Grund hinein; das Für und das Wider traten geharnischt vor ihn hin und stritten einen harten Streit, denn er schloß weder Waffenstillstand noch Frieden, als wenn er die Aussicht hatte, daß dieser wirklich ein ewiger für ihn fein werde; und je länger er sich mit Etwas beschäftigte, je mehr Mühen und Schmerzen es ihm kostete, desto mehr hingen sich Herz und Phantasie daran, daß er nicht frei davon wurde. Sie langten am dritten Tage in einem Dorfe an, das seit Jahrhunderten protestantisch war, mitten in einer katholischen Landschaft. Als sie in das Wirthshaus traten, fanden sie daselbst fast die ganze Bevölkerung versammelt und in großer Aufregung. Mit Recht sage ich, fast die Bevölkerung, denn die Männer füllten den geräumigen Tanzsaal und die Schenkstube, in Flur und Küche aber, auf der Treppe und draußen um die Fenster standen die Weiber und um diese wieder die großen und kleinen Kinder. Da diese nun allesammt durchaus nicht das Gelöbniß des Trapistenordens abgelegt, kann man sich das Geschrei und den Höllenlärm denken, der hier stattfand. Unsre beiden Wandrer hätten wahrscheinlich ihren Stab sofort weitergesetzt, wenn sie nicht, auf ihre Fragen von dem Gegenstände des Aufruhrs unterrichtet, sich dafür interessirt hätten. Die sonst so stille, nachgiebige und gut herzoglich gesinnte Bevölkerung war dies Mal in fast aufrührerische, empörerische Stimmung gerathen. Sie hatte viele Jahre unter dem Druck eines pietistischen Pfarrers geseufzt, der, indem er zugleich die Schule und einzelne Familien beherrschte uud das Ohr der Landesregierung für sich hatte, den Boden der Kirchlichkeit und der Sittlichkeit gänzlich ausgedörrt hätte, wäre die Bevölkerung nicht so kerngesund gewesen. Bor Kurzem war er verstorben, und es handelte sich um die Wahl des neuen Seelsorgers. Seit undenklicher Zeit hatte die Regierung der Gemeinde das Recht bestritten, sich ihren Pfarrer zu wählen oder doch einen Antheil an der Wahl zu haben. Bestreiten heißt in solchen Fällen ausüben und so hatte die Regierung nach ihrem Gutdünken die Pfarrer eingesetzt, ohne die Gemeinde zu be- ' fragen. Diese aber, zähe wie echte Deutsche, hatte jedes Mal ihren Protest erhoben und dafür von hoher Stelle eine Rüge erhalten. Damit war die Sache abgethan. Aber die Zeiten hatten sich geändert. So geduldig wie früher nahm man die Dinge nicht mehr hin. Oder vielleicht hatte der verstorbene Pfarrer den Ansichten der Gemeinde zu schroff gegenüber gestanden und sich zu sehr als Selbstherrscher gerirt. Kurz, die Gemeinde war

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