Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1870)
- Date
- 1870-01-11
- Page
- Seite 35 (sequence 15)
- Language
- German
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35 Nachdem die Flasche fröhlich geleert war, lustwandelte man miteinander weithin am Ufer. Merkwürdig, die beiden gehörten auch demselben Studium, nemlich der Rechtswissenschaft an, und waren zu gleicher Zeit in Bonn eingetroffen. Hier aber zeigte sich sofort eine Verschiedenheit: Johannes hatte eme besondere Vorliebe für das kanonische Recht und wollte sich hierin zum Meister ausbilven; das hatte ihn auch nach der Universität Bonn gezogen, während Bernhard dem Studium des römischen Rechts besonders oblag und sich vorgenommen, die Geschichte des Rechts überhaupt zu seinem Lebensberufe zn machen. Diese Verschiedenheit gerade zog vie Jünglinge näher zu einander; sie konnten sich in Etwas ergänzen, etwas empfangen und zurückgeben, und da sie also beide mehr einem theoretischen als praktischen Studium zu neigten, glich sich Alles unter ihnen zu schönem Verständniß aus. Nach einem halbstündigen Gange kamen die beiden Jünglinge an einem Kreuzwege vorüber, und hier stand in einer Nische ein hölzernes und bunt bemaltes „Mutiergottesbild", das gläubige Hände mit Kränzen und frischen Blumensträußen geschmückt hatten. Johannes lenkte sofort seine Schritte dahin, bog das Knie und betete einige Augenblicke. Er bemerkte wohl, daß der Andere vorübergeschritten, ohne sich zu verbeugen, ja ohne den Hut zu lüften. Als jener diesen wieder eingeholt, gingen sie still neben einander. Die Sonne war hinter den jenseitigen Bergen niedergegangen; die Dämmerung hatte sich über die Landschaft gebreitet; aber schon trat am klaren blauen Himmel der Vollmond über den waldgekrönten Hügeln zur Linken herauf, und legte einen breiten Silberstreif auf die Wellen des ewig ziehenden Stromes. Im Westen zeigten noch einige Purpurwolken die Stelle, wo das Gestirn des Tages verschwunden, und hie und da glitzerten einige Strahlen von Sternen herab, die sich sichtbar zu machen beabsichtigten. Es war eine zauberisch schöne Beleuchtung. Dabei rauschte drunten der Strom und seine Wellen plätscherten an das Ufer. Ein linder Abendwind hatte sich erhoben und zog klirrend durch einen nahen Föhrenwald; auf seinen Schwingen trug er den süßen Dust der Wiesen, auf denen soeben geheut worden. Sonst war es ringsum still, das Geräusch der Menschen erloschen oder fern, der Sang der Vögel verstummt. Da wandte sich Johannes zu Bernhard: „Bist du evangelisch?" — denn beim Glase Wein hatten sie bereits das studentische „Du" angenommen. „Nein", erwiederte der Angeredete, „ich bin Jude." In dem Tone, in welchem er dies aussprach, drückte sich eine gewiffe Festigkeit aus, eine gewisse Abwehr, die aber gerade einen Zweifel verrieth, wie diese Erklärung anfgenommen würde. Johannes schwieg einen Augenblick, dann aber schlug er plötzlich die Arme um den Nacken des Anderen, preßte ihn an seine Brust, und rief aus: ,Mer in dieser Stunde und an dieser Stelle sich und jeden Anderen nicht als Menschen, als Gottessöhne, als Brüder fühlt, verdient nicht, jene zu durchleben und hier zu stehen!" Die Beiden halten sich gefunden; sie wußten, daß sie sich verständigen würden, wenn auch Vieles zwischen ihnen verschieden und ungelöst bleiben werde. «Fortsetzung folgt.» Vermischtes. Man kann sich denken, daß ein Aufenthalt in Berlin ganz besonders in theatralisch-musikalischer Beziehung große Genüffe darbietet, besonders wenn man es glücklich trifft, daß nemlich die bedeutendsten Künstler gerade in Thätigkeit sind. Da hatten wir denn Gelegenheit. „Lohengrin" von Wagner, und die „Afrikanerin" von Meyerbeer bald hinter einander, beide in fast vollendeter Aufführung zu sehen. Wir wollen unfern Lesern kein Geheimniß daraus machen, daß wir sie beide zum ersten Male sahen, da wir Theater von mittlerer Beschaffenheit nicht zu besuchen pflegen. Wir suchten beiden Kunstwerken keine vorausgenommene Stimmung entgegen zu bringen, und sie vielmehr in völliger Unbefangenheit auf uns wirken zu laffen. In beiden Opern wirkten die vorzüglichsten Kräfte der königl. Bühne mit. Unser Urtheil erkennt nun ununwunden dem Meyerbeer'schen Tonwerke weitaus den höhern Rang zu. Seit mehr als einem Jahrzehend haben sich in Deutschland gegen Meyerbeer große Vorurtheile verbreitet, die mit den außerordentlichen Lobeserhebungen, welche dem Meister bis zur Mitte der vierziger Jahre im Uebermaße gespendet wurden, sehr contrastiren, und die nun der Aufnahme seiner Afrikanerin wesentlichen Schaden gethan. Wir geben zu, daß Meyerbeer seine Schwächen und Schattenseiten hat, daß er eine Vermischung der nationalen Stilarten angestrebt, ohne sie zu einer höheren Gattung erheben zu können. Aber schon daß sich seine Oper bereits 40 Jahre aus dem Repertoire erhalten, sein „Robert der Teufel" und die „Hugenotten" in jever Saison aus jeder Bühne wieder erscheinen, während neben ihnen hunderte seitdem entstandene und Anfangs beliebte Oper verschwunden und vergessen sind, beweist, daß er auch große Vorzüge und Schönheiten besitzen muß. Und diese sind auch in der Afrikanerin zu finden: eine Fülle der ansprechendsten Melodien und reicher entsprechender Jnstrumentirung, letztere oft charakteristisch nud originell. Hierbei kam es uns vor, als ob Meyerbeer doch von der Grundidee des Wagner'schen Systems etwas profitirt habe, nemlich die wechselnden Stimmungen und begleitenden Umstände in starker Betonung durch die Jnstrumentirung auszudrücken. Wir glauben, daß eine Zeit kommen wird, wo man Meyerbeer auch in Deutschland wieder mehr Gerechtigkeit wird widerfahren laffen, so daß ihm die gebührende Stellung unter den großen Meistern der dramatischen