Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1870)
- Date
- 1870-01-11
- Page
- Seite 34 (sequence 14)
- Language
- German
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mit aßet Kraft vorwärts strebte und Wissenschaft und Erkermtniß als die höchsten Güter des Lebens schätzte, dennoch aber einen innigen Zug nach allem ehrwürdig Alten und Vergangenen fühlte und eine Vorliebe für die Sitten und Zustände früherer Zeiten empfand, sobald sie nicht geradezu mit den Fortschritten unserer Zeit und mit den Einsichten des höher gebildeten Verstandes in Widerspruch lagen. Aber wer vermöchte hier immer den Scheidepunkt, die rechte Grenzlinie zu treffen? So hatte er denn auch den Entschluß gefaßt, die ganze schöne Reise, in deren Vorgefühl er schon als Gymnasiast geschwelgt, zu Fuße zu machen; und sich das strenge Gelöbniß auferlegt, keinen Wagen, kein Dampfschiff, keine Eisenbahn zu besteigen, höchstens sich eines leichten Nachens auf dem Strome zu bedienen. Er wollte wandern, wie man in früherer Zeit gewandert, und Land und Leute im Detail kennen lernen, statt sie aus den Fenstern des Waggons zu besehen und zu vergeffen. Nun, es war ihm bis dahin nicht schwer geworden, seinen Vorsatz auszuführen. Wie könnte sich auch das Vergnügen irgend einer Fahrt mit der Lust des jungen, kräftigen und an keine Bedingungen gebundenen Wanderers an den Ufern des Rheins oder in den Thalern und auf den Höhen der Alpen vergleichen! Da hebt sich die Brust im fteien reinen Gottesathem, der Blick schweift nach allen Seiten und ruht inniger auf den Gegenständen, die er sich gleichsam zu eigen macht: der Mensch fühlt sich ganz sein Herr, unabhängig von allen anderen, denn er kehrt nur ein, wo man ihm dient; und so schreitet der Fuß mit Leichtigkeit fort und der Arm schwingt den Wanderstab frisch in die Luft hinaus. Unser Freund machte viele Stationen und kurze Tagereisen; denn er wollte sich keine Schönheit entgehen laffen und keinen Genuß verkümmern. Wozu sollte er eilen? wozu seine Kräfte erschöpfen? Und da liegen denn an den Ufern des Rheins, bald hüben, bald drüben, Städtchen und Dörfer die Menge an den anmuthigsten Plätzen; bald ist es eine Höhe, die man zu ersteigen, bald ein Seitenthal, in das man hineinzuschreiten hat, bald eine Ruine, die man zu besichtigen hat. Und überall wird man willkommen geheißen, trifft man auf ein leichtlebiges Völkchen, das mit heiterer Miene entgegenkömmt, auf einen Schoppen guten Weines und auf einen Imbiß. Es waren selige Tage, Abende und Morgen, die der junge Mann verlebte „frisch, frei", und wir können auch sagen „ftomm". Hier und da war er für eine kurze Strecke auf einen Reisegefährten gestoßen, aber nicht lange, so schied man wieder, denn das Fußwandern ist eben nur noch weniger Leute Sache. So stand er also in dem Garten vor vem „Adler" in St. Goarshausen und wollte in eine der nach dem Strome gewarnten Lauben eintreten. Er that dies auch, aber kaum war er hineingeschritten, so quoll ihm aus der Oeffnung im Laube ein solcher Strom von Sonnenstrahlen entgegen, der über die Berge und Ruinen am jenseitigen Ufer herüberschoß, daß er einige Augenblicke wie geblendet dastand und sich dann seitwärts, wo die buschige Wand ihn schützte, auf einen Seffel vor einem Tischchen niederließ. Auf diesem nun stand eine Handklingel, und er streckte eben den Arm aus, um sie in Bewegung zu setzen, als er aufschauend gewahrte, daß die Laube schon einen andern Gast berge. Es war ebenfalls ein junger Mann, der in ähnlicher Weise auf der entgegengesetzten Seite saß, wie er später bemerkte, hoch aufgewachsen und von schlanker Gestalt, das Gesicht schmal von braunem Teint, mit etwas tief liegenden dunklen Augen und dunklem Haare. Es lag ein leidender und schwärmerischer Zug auf dem etwas bleichen Antlitz. Bernhard, so hieß unser Freund, verneigte sich gegen den Fremden und ftagte ihn, ob sein Eintritt in die Laube ihn nicht störe, und es ihm nicht unangenehm sei, wenn er in ihr verbleibe? Der Fremde schien bei den Worten des Ankömmlings ein gewiffes Staunen zu verrathen, antwortete aber bald, daß er ihn durchaus nicht störe, und daß auf dem Terrain eines Gasthofes Niemand ein Recht weiter habe, als auf den Sitz, den er einnimmt. Dies gab Beranlaffung, noch einige freundliche Worte zu wechseln, und bald bemerkte der Fremde, er, der Ankömmling, sollte es nicht übel deuten, wenn er es ausspräche, aber in deffen Dialekt glaube er den Landsmann zu entdecken, und das flöße ihm den Muth ein, ihn zu fragen, ob dies wirklich der Fall. Er selbst gab die Provinz, ja sogar die Stadt an, der er entsprosien. Bernhard lachte hoch auf: „Da sind wir ja Stadtkinder! auch meine Heimath ist O., wenn ich sie auch schon in meinem achten Jahre verließ, um in R. das Gyinnasium zu besuchen." Die jungen Leute rückten näher aneinander, nahmen gemeinsam eine Flasche Wein und es währte nicht lange, so waren sie in die Erinnerungen der Kindheit und des Geburtsortes mitten hineingerathen. Und wo tummelte es sich bester als da? wo trifft man schneller und gewinnt sich rascher lieb, als in dem Zurückrufen jener trauten, für alle Lebensstufen geheiligten Bilder? Eines jedoch trat hierbei etwas erkaltend zwischen die beiden Jünglinge. Sie waren ziemlich gleichen Alters, nicht verschiedenen Standes, denn die Eltern Beider waren wohlhabende Krämer, warum haben sie sich nicht gekannt? Sie mußten verschiedene Elementarschulen besucht haben, das hieß in jener Stadt nichts Anderes als verschiedener Confession sein. Aber da sie beide sich suchten, wollten sie den Differenzpunkt vermeiden, und gingen daher der Erklärung hierüber aus dem Wege. Es zeigte sich bald, daß die jungen Leute ziemlich einen und denselben Reiseplan hätten, wenigstens konnten kleine Verschiedenheiten bald ausgeglichen werden, und auch Johannes, so war der Vorname des Anderen, wollte zu Fuß wandern. Beide beabsichtigten die Nacht über hier zu verbleiben, am Morgen die „Katz" und das „Schweizerthal" zu besuchen und dann den Weg auf die Höhe des Loreleyfelsens zu verfolgen. Man entschloß sich leicht, dies Alles gemeinsam zu machen.