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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-01-11 · Heft 2 (11.1.1870) · p. Seite 36

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 2 (11.1.1870)
Date
1870-01-11
Page
Seite 36 (sequence 16)
Language
German
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u i; |! f Musik wird angewiesen werden. — Dagegen machte der „Lohengrin" nur geringen Eindruck auf uns. Wir fanden darin etwa drei Melodien, die von großem Zauber sind; auch konnte man sich nicht versagen, die Jnstrumenlirung im Ausdruck des Affekts oder Zustands bisweilen sehr glücklich, d. h. sehr prägnant und zutreffend zu finden. Dies war aber auch Alles; und das Ganze eine immerwährende Flucht von Tonwellen, die weder einen psychologischen noch künstlerischen Zusammenhang hatten, wo eine Bewegung die andere jagt, nicht aber die eine die andere gebiert; überall keine vom Ganzen oder vom Einzelnen bedingte Nothwendigkeit, sondern eine Zufälligkeit des vom Texte gebotenen Wortes oder des Einfalls des Componisten. Wir wiffen, daß für den „Lohengrin" eben so günstige Borurtheile im Schwange sind, wie ungünstige gegen die Afrikanerin. Da wir auf ein maßgebendes llrtheil in musikalischen Dingen keinen Ansprach machen, scheuen wir uns nicht auszusprechen, daß beide ungerecht sind — Berhehlen wollen wir nicht, daß uns die charatteristische Schlummerarie im zweiten Acte der Afrikanerin eine frappante Aehnlichkeit mit einer Melodie aus dem reichen Schatze der synagogalen Melodien vom Bersöhnungstage zu haben schien, eine Aehnlichkeit, die uns vielleicht um so näher trat, als diese Arie von der bekannten Tochter der Prager Juvenstadt, der Fr. Lucca, in hinreißender naturalistischer Weise vorgetragen wurde, d. h. wo die Seelenbewegung in kräftiger Leidenschaftlichkeit sich durch die Mittel der Kunst hindurch einen unmittelbaren Ausdruck schafft, so daß die eigenartige Natur zum Vorschein kommt und sich die Individualität an der Kunstschöpfung noch geltend macht. Dies ist eben der Charakter der bevemendern jüdischen Vorsänger und ihre Vortragsweise mehr oder weniger in neuerer Zeit durch das Studium der Kunst veredelt. Richard Wagner nennt dies „Verjüdelung" der Musik: der unparteiische Kritiker wird darin ein dankbar anzuerkennenves Element sehen, welches gegen die Fadheid und Nüchternheit der Compositionen jüngster Zeit wohlthätig wirkt. Die jüngste Zeit ist eine Periode der Säcularfeier. Dicht aus einander folgen die hundertjährigen Geburtstage, wie dgl. das Jahr 1869 brachte und 187V bringen wird. Es beweist dies die Fruchtbarkeit des vorigen Jahrhunderts an großen wirkungsreichen Geistern, deren tiefeingreifenden Einfluß die dankbare Nachwelt anerkennt. Diese Säcularfeste begannen mit Lessing im Jahre 1829, an den sich der hundertjährige Geburtstag Mendelssohn's in demselben Jahre reihete. Die Lessingsfeier war damals noch sehr schwach, und die Mendelssohnsfeier ging nur in jüdischen Kreisen, aber an mehreren Orten, in Deffau, Berlin, Hamburg, Frankfurt a/M. vor sich. Seitdem, und das wollten wir bemerken, hat sich keine Säcularfeier eines Juden wieder angereihet und zwar nicht aus Mangel an Theilnahme, sondern ans Mangel an Zufeiernden. Es wird auch noch längere Zeit hingehen, bis man einen solchen bei allem Eifer finden wird — so * dürre war die Zeit, die unmittelbar auf Mendelssohn folgte. Freilich im Jahre 1832 hätte man eine zweihundertjährige Säcularfeier eines genialen, bahnbrechenden Juden feiern können, nemlich Baruch Spinoza's. Niemand feierte sie, außer dem Redakteur dieser Zeitung durch eine kleine Schrift. Jndeß kann man sich hierüber nicht wundern. Spinoza ist kein Mann, den die Menge feiern kann, und das Berständniß seiner Philosophie macht selbst bei den Männern von Fach nur sehr langsame Fortschritte. In Viesen Tagen hatten wir bei einem Aufenthalte in Leipzig den großen Genuß, einem Gewandhausconcerte beizuwohnen. Es wurden in wahrhafter Vollendung eine Suite von I. S. Back, Recitativ und Arien von Graun und Spontini u. s. w. und vor allem die herrliche fünfte (C moll) Symphonie von Beethoven vorgerragen. Es fiel uns ein. daß wir in der „Hauptstadt der Verjüdelung der Musik" uns befanden, und wir sagten uns, daß, wenn diese Musik „verjüdelt" genannt werden solle, diese Bezeichnung den höchsten Meisterwerken und deren ausgezeichnetster Ausführung zukomme. Wir gedachten aber auch jenes sonderbaren Verketzerers der classischen Musik und der Juden, deffen verlorene Seele jetzt in einem siechen, dem Tode nahen Körper an den Ufern des Vierwaldstädtersees liegt. Es war ein wahrhaftes Bedauern, das wir über die künstlerischen und moralischen Verirrungen eines so groß angelegten Talentes empfanden. Curiosum. Die „Presse" theilt mit: Ein amüsantes Ding ist noch von der Wahl Isaak Pereire's zu berichten. Der Bischof von Carcaffonne, in deffen Diöcese der betreffende Bezirk liegt, erließ ein Rundschreiben an seine Dechanten, worin er ihnen anbefahl, all ihren Einfluß, sowie den der unter ihnen stehenden Pfarrer aufzubieten, um die Erwählung eines Juden, wie Pereire, zu verhindern. Ueberall wurde gegen den mosaischen Candidaten gepredigt, und auch die anderen dem Klerus so wohlbekannten Mittel wurden nicht vergeffen, um ihm so viel Stimmen wie möglich zu entziehen. Ein Landpfarrer erreichte darin jedoch den Höhepunkt und verdiente wirklich eine Prämie für seinen Erfindungsgeist. Er befahl den Weibern seines Sprengels, gegen Gatten, die für den anticlericalen Candidaten stimmen würden, einen ehelichen Strike zu organisiren. Nicht schlecht, Herr Pfarrer! Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. SB. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

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