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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-01-11 · Heft 2 (11.1.1870) · p. Seite 33

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 2 (11.1.1870)
Date
1870-01-11
Page
Seite 33 (sequence 13)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zndenthums. Feuilleton-Geilage zu Nr. 8. Leipzig, den 11. Januar 137u. Die Klärung. 1. Es war ein eigenttyümüd)er junger Mann, der soeben bei St. Goarshausen aus dem Nachen an das Land sprang, dem Fährmann freundlich zunickte, sich dann seiner ganzen Länge nack aufrichtete und seine blauen Augen über das herrliche Panorama schweifen ließ, welches ihn umgab. Das Ufer war hoch, und er erblickte daher von seinem gegenwärtigen Standpunkte die Landschaft in ganz anderen Umriffen, als dies aus dem Fahrzeuge der Fall gewesen. Wer vermöckne aber auch die Fülle der Schönheit, der Anmuth, des bewegten Lebens im Strome und der friedlichen Ruhe auf den Höhen und in den Thälern zu schildern, wenn der Sommer seine üppig reiche Hand über die Ufer des grünen Rheins gelegt! Die Sonne begann sich bereits stark gegen Abend zu senken und das Licht war um so goldener, das sie über die Landschaft und die schimmernden Wellen des Flusses ausgoß. Der Jüngling sog all' diese Herrlichkeit mit seinen Blicken in fein offenes Herz ein-, sein jugendliches Antlitz leuchtete voll innerer Lust auf und seine Lippen öffneten sich, wie wenn sie den Strom der Begeisterung, der durcb seine Seele zog, durch Ausrufe des Entzückens ausgießen wollten — aber es war ja Niemand da, an den er sie hätte richten können, und dem gütigen Gotte, welchem er unbewußt den Dank fürall' das reiche Glück, das er ihm in seiner Jugend ertheilt, zujauchzte, dient man in den Augenblicken des tiefsten Empfindens ohne Laut und Wort. Endlich wandte sich der Jüngling, und ging das Ufer hinab nach einem freundlich winkenden Gasthofe, in welchen er aber nicht eintrat; vielmehr schritt er nach einem Garten, der sich vor dem Hause längs des Ufers erstreckte. Ja, er hatte blaue Augen und blondes Haar, eine gewölbte Stirn und ein ebenmäßig geformtes Gesicht, das noch wenig Spuren eines keimenden Bartwuchses verrieth. Auch seine Gestalt war noch sehr schlank, und der junge Mensch hatte sicherlich das zwanzigste Lebensjahr noch nicht überschritten. Sein ganzes Aussehen trug den deutschen Typus bis auf die 'Nase, die, immerhin fein geschnitten, doch durch eine eigentümliche Krümmung dem genauen Beobachter und Kenner anzudeuten schien, daß die Ahnen dieses Jünglings nicht an den Ufern des Rheines gewandelt, sondern eines andern Stromes, vielleicht des Jordans. Wer die Menschen kennt, weiß, daß sich in nicht wenigen derselben Gegensätze verbergen, die sich aus dem Aeußeren nicht erkennen, ja nicht einmal vermuthen lasten, und welche nur durch irgend einen kleinen Zug verrathen werden, den man erst gewahrt und versteht, wenn jene sich genügend kundgeben. Ob dies bei unsrem Jüngling auch der Fall war? Durch den Garten schritt er auf eine Reihe kleiner Lauben hin, die von grünen nnd blühenden Gebüschen gebildet wurden, außer einem kleinen Eingang dicht und lauschig umzogen waren und nur nach der vorderen Seite durch Oeffnungen im Laube den Blick über den Strom auf die jenseitigen Höhen freiließen. Der junge Mann hatte bis jetzt seine Wanderschaft allein, ohne Gefährten gemacht, und gedachte daher auch sich einsam in einer dieser Lauben niederzulaffen und ein leichtes Mahl einzunehmen. Eine sinnige 'Natur ist der Genossenschaft nicht bedürftig, auch wenn sie sich sonst nnter den Menschen wohl fühlt und zu bewegen weiß. Bon der Universitätsstadt Bonn war er nach dem Schluffe der Vorlesungen vor einigen Tagen ausgezogen. Aus dem deutschen Norden stammend, arbeitsam und pflichtgetreu, harte er die Stadt während des kurzen Sommersemesters nur behufs kleiner Ausflüge in die nächste Umgebung verlassen. Nunmehr aber wollte er die langen Ferien benutzen, um das Rheimhal ganz kennen zu lernen und zu genießen, nach Frankfurt zu pilgern, der Kaiser- und Goethestadt, und das Ziel seiner Reise in Heidelberg zu suchen. Er war ein Günstling des Glückes; denn er besaß die Mittel sorgenlos seinen Studien obzuliegen, aber diese Mittel waren beschränkt und nöthigten ihn sparsam vorzugehen; er war gesund, aber nicht von dieser überschäumenden Krastfülle, welche den Leidenschaften einen leichten Spielraum bietet; er war stets heiterer Stimmung und entzog sich der Jugendlust nicht, aber er war doch zu ernst angelegt, um nicht eines leeren Treibens bald überdrüssig zu werden. Doch es lag ein besonderer Charakterzug dadurch in ihm, daß er zwar

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