Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1870)
- Date
- 1870-01-11
- Page
- Seite 27 (sequence 7)
- Language
- German
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27 für die Gemeindeverhältnisse. Daß dies ein reiches Gebiet der Thätigkeit und Wirksamkeit ist, daß sich ein Bedürfniß hierfür längst entwickelt und fühlbar gemacht hat, brauchen wir nicht erst auseinander zu setzen. Bon der einen Seite ^sind zahlreiche kleinere Gemeinden in ihrer Existenz bedroht und vermögen ihren Bedürfnisien nach den Erfordernissen unsrer Zeit nicht mehr zu genügen; von der andern Seite werden au die mittleren Gemeinden Forderungen gestellt, die ihre Kräfte erschöpfen, und dies in erhöhtem Maße an die großen Gemeinden, von denen man verlangt, daß sie Alles allein beschaffen, was den Uebrigen zu Gute komme. Eine Vereinbarung thut hier in vielen Dingen äußerst Noth, um nach allen Seiten hin rathen und thaten zu können. Daß hierdurch mittelbar auch eine bedeutsame Erstarkung des jüdisch-religiösen und sittlichen Geistes erwirkt werden müffe, ist einsichtlich. Der weitere Verlauf der soeben in Leipzig gepflogenen Berathungen, wie wir über ihn in der folgenden Nummer 'dieses Blattes berichten werden, wird hierüber noch näheren Aufschluß und Beweis geben. Was uns persönlich betrifft, wenn wir einige desfallsige Worte uns erlauben dürfen, können wir nur besondere Befriedigung über diese Bestrebungen aussprechen. Seit fast vier Jahrzehenden ist unsere Bemühung dahin gerichtet, den Gemeinsinn zu wecken, der den Juden in der Zersplitterung und Jsolirung der Gemeinden verloren gegangen, und dessen Mangel sie das Weichbild ihrer großen oder kleinen Gemeinde als das ganze Bereich ihrer Interessen anschauen ließ, so daß sie zu einer gemeinsamen Handlung, zu einem gemeinsamen Werke ganz unfähig waren. Aus diesem Geiste entsprang die „Allgemeine Zeitung des Judenthums", entsprangen die Institute, die wir gegründet, und diesen Geist zu nähren und zu pflegen war unser stetes Augenmerk. Vieles ist seitdem geschehen, was die Kräftigung des Gemeinsinnes in unsrer Glaubensgenoffenschaft bezeugte und zum Ausgangspunkte hatte. Es ist aber Zeit, daß sich dies nunmehr auch in concreten Werken kundgebe. Wir haben aber hierbei nicht zu übersehen, daß sich um den noch zarten Stamm des jüdischen Gemeinsinns sofort eine Schmarotzerpflanze legte, ihn umwand und zu erdrücken drohte: wir meinen jenen kleinlichen Parteigeist, der cultuelle Fragen zum Ausgang nahm, um die Juden noch mehr zu zersplittern, die Gemeinden zu spalten und die Gesammtheit um persönlicher Gelüste willen, in feindliche sich bitter bekämpfende Parteien zu zersprengen. Diesen Parteigeist abzuschwächen und die jüdische Gemeinsamkeit wieder davon zu befreien muß die Aufgabe jedes wahrhaft aufrichtigen Israeliten sein. Die Führer dieser Parteien wissen sehr wohl, daß jede Vereinigung, auch wenn es sich nicht um spcisisch religiöse Fragen handelt, Gerechtigkeit und Duldsamkeit, also die Gegenkräfte gegen alle Parteiverbitterung, hervorruft, und stemmen sich deshalb ebenso gegen den Gemeindebund mit Verdächtigungen und Schmähungen, wie sie es der Synode thun, die ihnen freilich näher auf den Leib rückt, die aber mit dem Gemeindetage durchaus nicht identisch ist, weil eben beide ganz verschiedenen Inhalt und Zweck haben. Wären jene Männer wirkliche Freunde und Stützen des Judenthums, so müßten sie sich dem Gemeindebunde anschließen, wenn sie auch Gegner der Synode bleiben. Aber das wird nicht gesckehen. Dieser Parteigeist will jede einzelne Gemeinde spalten, wie wird er die Verbindung vieler Gemeinden zugestehen wollen! Nun, wir hoffen, daß der erstarkte Gemeinsinn auch hierüber siegen wird, und wir können dann getrost in die Zukunft und deren Entwickelung schauen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten. D eutschland. Berlin, 30. Tee. Tie Köln. Z. schreibt: Tie neue Gesetzgebung in Betreff der jüdischen Preußen wird sich, in Verwirklichung des Art. l.'> der Versassungs-Urkunde, aus vollständige Synagogenfreiheir beschränken haben. Tie Initiative dieses Gesetzgebnngsacres dürste von dem Ministerium der geistlichen Angelegenheiten ausgchen, an zweiter Stelle kommen die Ministerien des Innern und der Justiz. Ten erwähnten Ministern liegen übrigens, wie man hört, Tenkschriften angesehener jüdischer Einwohner vor, welebe jede staatliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Shnagogengemcinden ablehnen und auch einen noch aus dem Ende des 17. Jahrhunderts stammenden Beitragszwang endlich gesetzlich beseitigt