Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1870)
- Date
- 1870-01-04
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
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19 Rücken die Stadt schon genommen war, kämpften sie noch die ganze Nacht hindurch mit bewunderungswürdiger Tapferkeit gegen die Stürmenden*) und verloren nicht einen Fußbreit von der ihnen anvertrauten Wallstrecke. Endlich aber, als der Morgen dämmerte, fanden auch sie den unvermeidlichen Untergang. Von den schon erstürmten Werken aus in der Seite, von der Stadt aus im Rücken angefallen, von allen Richtungen mit Geschosien überschüttet, mußten sie ihren so lange ruhmvoll behaupteten Posten aufgeben: und damit war Neapel erobert. Die Griechen begingen in der gewonnenen Stadt gräßliche Schandthaten, und die Juden, Gegenstand zugleich griechischen Fanatismus und griechischer Rachsucht, sind sicher am ehesten und am meisten deren Opfer geworden. Ich hielt es aber für schade, wenn dieses bescheidene Lorbeerblatt in dem reichen Kranz jüdischer Heldenthaten nicht hinreichende Beachtung fände. vr. M. P. Vermischtes. Eine furchtbare That des religiösen Fanatismus. Wir theilen im Folgenden den Bericht einer schaurigen That aus Galizien mit, wie er aus Tarnöpol vom 15. December nach den gerichtlichen Verhandlungen in den österreichischen öffentlichen Blättern stand. Ein solches Verbrechen ist in den Annalen der jüdischen Geschichte gewiß ein seltenes, und wir brauchen nicht erst zu bemerken, daß gerade das mosaische Gesetz die väterliche Gewalt über die Kinder beschränkte, während noch das altrömische Gesetz dem Vater das Recht über das Leben der Kinder einräumte. Freilich gehen die Berichterstatter über die Seeleuqualen der Eltern, bevor sie sich zu einem solchen Verbrechen entschlossen, hinweg und lasten es sogar an Ironie über deren religiöse Anschauungen nicht ermangeln; aber um unsrerseits den Bericht in keiner Weise zu alteriren, geben wir ihn so, wie er in der „N. Fr. Pr." gestanden. Ein unerhörtes Verbrechen wurde seit drei Tagen vor einem Fünfrichter-Collegium des hiesigen Kreisge richtes verhandelt. Moses Feldmann, ein im Dorfe Slobudka Koszalvwska ansässiger Chasside, seines Zeichens Mühlpächter, hatte einen Sohn, der von früher Jugend auf an den Lebensgewohnheiten des eigenen Stammes weit weniger Gefallen fand, als an denen seiner christlichen Umgebung, der bäuerlichen Einwohner- *) Procop. I). b. Goth. 1. 10 Ip. 53) : Ol 'lovtfnTot . .. xaoTfow?, xrcinto rcvTolg Ttts nö/.tow /"dt, (<7.o>(Tr4a. iuuynria xtti r»7 Twv tvHi’l 'ton' nnaffio?.»} zttcou arrtlyor. (S-5 ist zu tcmcrfcn , daß Proeop ein 'griechischer, also cii: feindlicher Schriftsteller ist. schaft von Slobudka. Er pflog daher auch viel häufiger Umgang mit den Landleuten, als mit seinen Religions- Genosten, und es entfremdete dieser Umgang den Jüngling so sehr auch den Geboten des väterlichen Glaubens, daß, als er 21 Jahre alt war, der Jude in ihm fast nicht mehr zu erkennen war. Abraham — so hieß der Sohn — fand es nun überflüssig, Sabbath- und Festtage zu heiligen und die Speise-Ordnung seiner Glaubensbrüder zu befolgen; er aß und trank in den Hütten der Bauern, lernte zum Gotte der Christen beten, sang die weihelosen Lieder der russinischen Landleute und durchstog mit ihren blonden öchtern die Tanzböden Slobudka's, als wäre er nicht das Kind eines frommen jüdischen Vaters, sondern geboren in dem Volke, desten Lebensweise er nachahmte. Alles dieses schnitt dem Vater tief in die Seele; vollends vernichtet aber war er und mit ihm sämmtliche jüdische Bewohner Slobudka's und der nächsten Umgebung, als sich das Gerücht verbreitete, Abraham habe sich in ein Bauernmädchen ernstlich verliebt und gehe nun mit dem Gedanken um, sich taufen zu lasten, um sich mit der Geliebten durch die Ehe zu verbinden. Von dem Tage angefangen, an welchem dieses allerdings begründete Gerücht auftauchte, sah sich Abraham von seinen Glaubensbrüdern mit jenem hastigen Eifer verfolgt, den religiöse Schwärmerei einzugeben vermag. Er brachte daher die Nächte außer der Wohnung seines Vaters zu und betrat selbst bei Tag deren Schwelle nicht eher, als bis er ausgekundschaftct hatte, daß keine Juden in derselben versammelt wären. Am 21. Februar l. Js. sollte Abraham im Kloster Czarnogrod die Taufe empfangen, und am 19. erhielt dessen Vater diese Nachricht durch den Jaslowcer Jusasten Moses Schneider. „Ich wollte eher, daß sich der Boden unter mir aufthäte und mich verschlänge, als daß ich diese Schmach erlebte." So rief der Alte bei Erhalt dieser Nachricht. Tags darauf versammelten sich die Israeliten Moses Feld mann, Schneider, Abraham Moses Schneier und Joseph Landau in der dem Ersteren gehörigen Mühle bei Slobudka. Wohl eine Stunde sprachen sie angelegentlich miteinander, dann begaben sich Alle zu Maier Brecher in Slobudka, in desten Wohnung das Gespräch fortgesetzt wurde. Am Abende desselben Tages kamen die Genannten und der Diener Feldmann's, Hirsch Pr im es, in der Wohnung des Ersteren zusammen. Auch Abraham Feldmann war da. Man hatte ihn, der sich bei einem Nachbar befand, herübergeladen, damit er an dem Nachtmale theilnehme, und als er sich der Einladung zu folgen weigerte, weil er einen Anschlag auf sein Leben vcrmuthete, kam seine Mutter Chane Feldmann und bat so inständig und so lange, bis der Sohn nachgab und sich in ihrer Begleitung in die Hütte des Vaters verfügte. Als das Nachtmal eingenommen war, verließ Chane Feldmann die Wohnung, und der alte Moses Feldmann