Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1870)
- Date
- 1870-01-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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1 3 einer raschen Progression, so ist das mit der berliner Judengemeinde noch ungleich mehr der Fall. Der Zuzug aus den Provinzen ist ein überaus starker. Hierdurch sammeln sich äußerst verschiedene Elemente in der jüdischen Welt Berlins an. Wir brauchen nicht zu bemerken, daß die Juden der verschiedenen Provinzen sehr verschiedene Charakterzüge tragen, sehr verschiedene Bildungsstufen und Richtungen einnehmen. Alle diese Partikeln treffen auf einander, ziehen sich an und stoßen sich ab, suchen sich zu vereinigen, zu verschmelzen und wieder zu isoliren; und dies alles weckt einen Lebensproceß, der die alte Stagnation verscheucht und neue Gestaltungen zu schaffen sucht. Auch hierfür haben wir äußere Symptome, und die über alle Beschreibung herrliche neue große Synagoge, das bedeutendste kirchliche Gebäude Berlins, neben welcher zugleich noch andere entstanden und im Entstehen begriffen sind, giebt uns einen materiellen Beleg dafür. Wir würden aber gegen das ursprüngliche jüdisch - berliner Element doch nur ungerecht sein, wollten wir mit dieser Erklärung mehr als einen Impuls für das neu erwachte Leben andeuten. Denn der Kern der berliner jüdischen Bevölkerung ist eben dadurch nur zu neuer Energie erweckt worden, und überwiegt in seiner geschichtlich angebildeten Eigenthümlichkeit, der man die Mendelssohn'sche Periode noch immer ansieht, dennoch im Ganzen. Doch wir wollen den Faden dieser Betrachtung jetzt fallen lasten, um ihn das nächste Mal wieder aufzunehmen. Der Zweck unserer Herreise war also, an den Debatten über die Gründung einer jüdisch-theologischen Facultät theilzunehmen. Es ist ein eigenthümliches Schicksal, welches über dieser Art von Institution bisher gewaltet hat. In verschiedenen europäischen Ländern hat man schon früher daran gedacht. Das Bedürfniß einer höheren Lehranstalt des Judenthums und einer concreten Pflanzstätte der wiffenschaftlichen Entwickelung des Judenthums auf den Trümmern der alten Jeschiboth liegt zu nahe. Zunächst war es den Regierungen Vorbehalten gewesen, dergleichen Veranstaltungen hervorzurufen, und es blieb das aus diesem Ursprünge nothwendig fließende Geschick nicht aus. Die österreich. Regierung legte den venezianisch-lombardischen Gemeinden die Kosten für das Rabbinercollegium zu Padua auf, und mit dem Ende dieses Regiments versiegten die Hülfsmittel für dessen Bestand. Trotzdem diese Schule jetzt für sämmtliche italienische Gemeinden nur geringe Opfer kosten würde, können sich diese nicht entschließen, auch nur höchst mäßige Opfer für sie zu bringen. Die französische Regierung gründete ein Rabbinerseminar in Metz und erhält es aus dem Staatssäckel. Es wurde vor einigen Jahren nach Paris verpflanzt. Wir wollen hier über die Resultate der Anstalt kein Urtheil abgeben. Auch die russische Regierung schuf sog. Rabbinerschulen, zuerst in Warschau, dann noch andere. Aber die rabbinischen Disciplinen werden in ihnen nicht im geringsten gepflegt, und sie dienen höchstens dazu, einige Jünglinge, die ihr rabbinisches Wissen anderswo erlangten, mit einiger profaner Schulbildung zu versehen. Diesen Anstalten gegenüber wurde in Breslau das „jüdisch-theologische Seminar" durch das Legat eines Mannes gegründet Es nahm dadurch von vorn herein einen partiellen Charakter an, der sich durch die Wirksamkeit des die Anstalt leitenden Directors sehr bestimmt ausprägte, aber gerade dadurch dem allgemeinen Bedürfniß und Verlangen weniger zu entsprechen vermochte. Denn als wir im Jahre 1837 die Jcee einer jüdisch-theologischen Fakultät aussprachen und die vielseitigste Zustimmung fanden, bestand vielmehr der Gedanke darin, nach dem Muster der deutschen Universitäten und Facultäten eine freie wiffenschaftliche Anstalt zu gründen, die weder von einer Regierung noch von der Munificenz einer Person ausgehen, sondern eine Schöpfung der gesammten Judenheit wenigstens Deutschlands werden sollte. (Fortsetzung folgt.) Drei Crütusminister.*) Aus Ungarn, im December. Es ist nicht uninteressant die drei Eultusminister in Oesterreich, Ungarn und in Preußen zu parallelisiren und *) Wir haben uns von Beginne an in der ungarischen Eongreßangelegenheit neutral verhalten, weil wir aus eigener Anschauung die dortigen Verhältnisse nicht kannten und uns deshalb ein entschiedenes Urtheil nicht zuschrieben. Wir ließen daher das Für und das Wider zu Worte kommen. Unser Eorrespondent aus Reu- Verbaß plaidirt für, der obige Eorrespondent gegen die Eongreßbeschlüsse. Die weitere Entwickelung wird das Resultat geben. Die Redaction. I*