Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1870)
- Date
- 1870-01-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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und befruchtenden Thau und Regen auf die Höhen und Ebenen desselben niederfallen lassen. Es ist dasselbe Gesetz des Empfangens und Wiedergebens, des ununterbrochenen Austausches, wie in der Natur. Unter diesen Hauptstädten nimmt Berlin gegenwärtig sicher einen bedeutenden Platz ein. Vielleicht ist der Kampf der Elemente, oder doch deren Zusammenstoß in Wien stärker. Aber unleugbar ist die geistige Kraft, um diese widerstrebenden Elemente zu überwinden und zu einem einheitlichen Leben zu zwingen, dort geringer, oder eben die nationalen Verschiedenheiten sind zu groß, um ausgeglichen und vereinbart werden zu können. Vielleicht ist beides der Fall, Berlin aber deshalb geeigneter, der Mittelpunkt des deutschen Lebens zu sein und immer mehr zu werden und eine Anziehungskraft zu üben, welcher die deutschen Volksstamme vergebens widerstehen. Man erkennt dies an den jüngsten Annexionen, deren antipathische Bestrebungen gegen Preußen doch nur schwächlich und wirkungslos sind. Die Gegenwart und Zukunft Berlins ist daher für die gesammte civilisirte Welt von außerordentlicher Bedeutung, und den Charakter dieser jüngsten Hauptstädte der Cultur zu studiren und zu erkennen, eine wichtige Aufgabe. Wir haben diese hier nicht zu lösen, maßen uns auch nicht an, Kraft und Gelegenheit genug zu besitzen, mit Erfolg an sie heranzutreten. Einige Bemerkungen werden aber am Platze sein, da sie auch für unfern eigentlichen Gegenstand Berständniß und Aufklärung bringen werden. Was in Berlin sofort auffällt, ist die wirkliche Neuheit der Stadt. Was daselbst an frühere Jahrhunderte erinnern könnte, schrumpft nach dem Verhältniß des Wachsthums der neuen Theile immer mehr zusammen, und kann nicht einmal mehr für den eigentlichen Mittelpunkt der jüngsten Weltstadt gelten. Hier wird uns nun zunächst als charakteristisches Merkmal deutlich: der gänzliche Mangel an Kirchlichkeit. Der Katholicismus hat hier keine Kathedrale, keine zahlreichen großen Kirchen hinterlasien, und der berliner Protestantismus war niemals intensiv genug, um jene anders als durch eine verhältnißmäßig doch nur geringe Zahl sehr bescheidener kirchlicher Gebäude zu ersetzen. Weder die Ansicht Berlins von außen, noch der Anblick seiner Plätze und Straßen im Innern empfangen deshalb von den Kirchen ihren Charakter, wie dies bei fast allen großen und kleineren Städten der Fall ist. In dem stets anwachsenden Meere gewaltiger Bauwerke, großer und mittlerer Häuser bilden so die Kirchen Berlins keine wahrzunehmenden Inseln, auf der Wanderschaft durch die Stadt keine Wegweiser .und Ziele. Dies ist aber nicht nur ein äußerliches Merkmal. Der Mangel an kirchlichem Sinne zeigt sich überall, und wir wurden zum Beispiel am Morgen des Weihnachtstages wohl durch die Reveille aus den Kasernen, nicht aber durch den Glockenklang, der in anderen, selbst protestantischen Städten feierlich durch die letzten Stunden dieser Nacht ertönt, geweckt. Wird doch auch der Kirchenbesuch in Berlin auf wenig mehr als ein Procent der Bevölkerung geschätzt. Blickt man etwas tiefer hinein, so giebt es sich klar zu erkennen, daß was an kirchlicher Bewegung in Berlin vorhanden, lediglich künstlich gemacht ist, hervorgerufen als Opposition gegen das Kirchenregiment von oben. Denkt man sich das Cultusministerium, den Oberkirchenrath, das Consistorium, die Abtheilung der Regierung für Kirchensachen, die Knak's, Fournier's und Stephan's, sowie die Stiehl's und das Regulativ hinweg und es bleibt in Berlin so gut wie nichts übrig. Gerade aus diesen Umständen erklärt sich am besten die Zähigkeit jenes Regimes, das von seinem Standpunkte aus sich als die rettende Gewalt des christlich-kirchlichen Bestandes ansieht unv deshalb um keinen Preis von seinem Platze weichen will. So lange es von oben gehalten wird, mögen die Wogen der öffentlichen Meinung und der parlamentarischen Debatten gegen dasselbe heranbranden: es wird seine Stellung nicht räumen, weil bei dem ersten Schritte es von der Fluch begraben sein würde. Haben wir nun dasselbe über das Judenthum in Berlin auszusagen? oder bietet es uns einen ganz anderen und lebensvolleren Anblick dar? Viele unserer Leser mögen wohl im Begriffe sein, das erstere zu bejahen. Und sie hätten gewissermaßen ein Recht darauf, wenn sie auf die letzt verflossenen Jahrzehnte zurückblickten. Denn seit langer Zeit war der Schwerpunkt des jüdischen Lebens in Preußen aus Berlin gewichen und in die Provinzen verlegt. Keine schöpferische Kraft wirkte in der berliner Judenschaft. Trat irgend ein allgemeines jüdisches Interesse hervor, so mußten ihm die Provinzen für sich zu genügen suchen und fanden in Berlin geringe Unterstützung oder gar Abwehr. Aber das darf nicht bewegen, die Sache hiermit abgethan zu glauben. Das Verhälmiß und die Zustände haben sich geändert. Das synagogale Leben hat starker zu pulsiren begonnen und tritt entschieden zu Tage. Eine Erklärung ist leicht gefunden. Wächst Berlin in