Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 52 (22.12.1863)
- Date
- 1863-12-22
- Page
- Seite 808 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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808 Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, 3. December. (Privatmitth.) Daß auch die Angelegenheiten der israelitischen Gemeinden jetzt der Oeffentlichkeit angehören, konnte man in diesen Tagen recht deutlich aus den hiesigen Zeitungen ersehen, wo vor der Neuwahl der Vertreter und Beiräthe der hiesigen Cultusgemeinde ein heftiges Kreuz- und Quergefecht stattfand und in einer Menge von Annoncen verschiedene Männer zur Wahl vorgeschlagcn wurden. Man konnte hieraus auf die lebhafteste Betheiligung seitens der Gemeinde-Mitglieder schließen. Allein hierin hätte man sich dennoch geirrt. Denn wenn sie, hiernach zu uriheilen, intensiv stark war, so war sie extensiv um so schwächer, so daß die statutenmäßig vorgeschriebene Anzahl von Wahlzetteln nicht abgegeben wurde und die höchste Majorität nur 348 betrug. Es muß demnach noch einmal gewählt werden, wo dann jede Majorität giltig ist. Unter den bis jetzt Gewählten sind Namen vom besten Klang, auch Dr. Kompert befindet sich darunter. Lemberg, im December. Ueber den jüngsten in vor. Nummer erwähnten Vorfall berichtet die „Presse": „Ein hiesiges israelitisches Mädchen, dessen Alter, documentarischen Beweisen zufolge, 16 Jahre beträgt, hätte sich freiwillig und aus hier nicht näher zu erörternden Gründen in das obengenannte Frauenklofter begeben und die Absicht erklärt, sich taufen zu lassen. Don seiten der Eltern und der hiesigen Judenschaft wurden selbstverständlich alle Anstrengungen gemacht, das Mädchen von ihrem Vorhaben zurückzubringen, vor allem jedoch, dasselbe dem elterlichen Hause zurückzuführen. Die Anstrengungen derselben und selbst die Schritte, welche der hierortige Rabbiner Herr Löwenstein in dieser Angelegenheit beim Erzbischöfe machte, blieben erfolglos, und es war schon der Tag zur Vornahme der Taufhandlung bestimmt. Am Vortage desselben begaben sich nun die Eltern des Täuflings, zwei Schwestern desselben, der Rabbiner Herr Löwenstein und mehrere andere Israeliten in das Kloster und forderten eine Unterredung mit dem Mädchen, weil, wie sie vernommen, das Mädchen zu ihren Eltern zurückzukehren wünsche. Die Unterredung wurde den Petenten denn auch gestattet, jedoch so, daß das betreffende israelitische Mädchen hinter einem Gitter stand. Als sie nun ihre Hände durch daffelbe chren Anverwandten reichte, hielten diese sie fest. Die Nonnen wollten sie besteien und zurückziehen. Herr Löwenstein eitte den beiden Schwestern zu Hilfe und empfing aus dem Munde des Mädchens die Erklärung, daß sie zu ihren Eltern zurückzukehren wünsche, und dies veranlaßte ihn, die sofortige Entlassung des Mädchens aus dem Kloster in entschiedener Weise zu fordern. Die Vorsteherin des Klosters wollte dies nur unter Bedingungen zugestehen, und da die Israeliten fürchteten, daß das Mädchen, falls sie sie losließen, umgestimmt werden könnte, so hielten sie sie desto stärker an den Armen fest, wobei sich denn durch den Widerstand der andern Partei eine Scene entwickelte, welche damit endete, daß man die Polizei herbeirief. Diese erschien denn auch, jedoch schon zu einer Zeit, als das Mädchen bedingungslos den Eltern übergeben war und im Begriffe stand, das Kloster zu verlassen, worauf denn auch ihre Entfernung anstandslos erfolgte. Gegen die betheiligten Israeliten ist, wie ich vernehme, die Anzeige bei Gericht erstattet worden. Schweiz. Baden, 30. November. (Privatmitth.) Der Cultur-Verein der Israeliten in der Schweiz hiett hier gestern seine erste Jahresversammlung ab. Der Präsident des Vereins, Herr Rabbiner Dr. Kayserling, erstattete einen kurzen Bericht über die diesjährige recht ersteuliche Thätigkeit deffelben, über Einnahmen und Ausgaben u. dgl.; der Bericht wird gedruckt und den Mitgliedern zugestellt. Wir kommen ein anderes Mal darauf zurück. Griechenland. Konstantinopel, im November. (4. 6.) Bei Gelegenheit der Thronbesteigung Georg I. feierten die hier befindlichen griechischen Juden in ihrer Synagoge einen Dankgottesdienst, welchem Herr Zanos, der griechische Gesandte bei der Pforte, beiwohnte und folgende, aus dem Munde eines Griechen und zwar eines so hochgestellten, sehr bemerkenswerthe Ansprache an die Versammelten hiett: Meine Landsleute und Freunde vom jüdischen Glauben! Eure beredten Gebete zum Merhöchsten für das Glück eures Vaterlandes haben die Herzen aller hier Anwesenden tief bewegt. Als Ber-