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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-12-22 · Heft 52 (22.12.1863) · p. Seite 804

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 52 (22.12.1863)
Date
1863-12-22
Page
Seite 804 (sequence 6)
Language
German
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804 Was Auerbach von Rießer, dem Kampfer für Freiheit und Recht, sagt, das möchten wir in Bezug auf literarische Wirksamkeit von Auerbach selber sagen: keins der Culturvölker um uns her, ja selbst nicht Deutschland, hat einen Schriftsteller, der bei so vollendeter deutscher Dolksthümlichkeit zugleich ein Jude ist, uuserm Berthold Auerbach an die Seite zu stellen. Keiner vor ihm und neben ihm hat es wie er verstanden, das deutsche Gemüth in seinen geheimsten und zartesten Empfindungen zu belauschen und ihm den naturwahren Ausdruck zu geben. Darum find seine Schriften nicht nur ein Gemeingut der deutschen Nation, sondern sein Name gehört, wie zu den gefeiertsten, so zu den populärsten. — Es kann unsere Aufgabe nicht sein, Berthold Auerbach von seiten seiner literarischen Bedeutung überhaupt charakterisiren zu wollen; seine Leistungen haben bereits in der Literaturgeschichte und — was noch mehr sagen will — bei der Gesammtnation ihre verdiente Würdigung gefunden. Was wir hier hervorheben zu muffen glauben, ist der Umstand, daß der Mann, der zu den gefeiertsten und volksthümlichsten deutschen Schriftstellern gehört, zugleich ein Jude ist. — Lange genug hat man bei den Leistungen eines Juden, auf welchem Gebiete immer, den Juden nicht verplaidirt. Als Mitglied der französischen Kammern war er ein Mann der entschiedenen, aber durchaus nicht extremen Opposition, der dem Corruptionssysteme Ludwig Philipp's energisch entgegentrat. In den Stürmen von 1848 hat er seinem Vaterlande große Dienste geleistet, wenn er auch damals, wie so viele andere, der Anschwärzung nicht entgehen konnte. Dem Imperialismus gegenüber behielt er seine Consequenz und Unbestechlichkeit, ohne sich den Arbeiten der Gesellschaft zu entziehen. Was er für das Judenthum gethan, darf nicht unterschätzt werden, so sehr wir gegen ihn als jüdischen Familienvater eingenommen sind. Der glückliche Erfolg in der damasker Angelegenheit blutigen Angedenkens ist zum großen Theil ihm zuzuschreiben; die Beseitigung des Eides more judaico in Frankreich hat er durch seine wiederholten Plaidcyers bewirkt. Niemals stand er an, seine Dienste als Rechtsanwalt bedrohten Glaubensgenossen zu widmen; viele Jahre war er Präsident des Centralconsistoriums und gegenwärtig hat er wieder die Präsidentschaft der „Alliance israelite universelle“ übernommen. Diese Widerlegung wird Berthold Auerbach selbst gern sehen, denn es ist für das Judenthum wichtig, solche Positionen nicht von einem einzigen Manne eingenommen zu wissen, und Rießer bedarf keines Lobes, das nicht mit vollem Rechte ihm zukäme. Die Redaction. gessen wollen und durch de» Hinweis auf das Bekenntniß sich im Urtheil leiten lassen, wodurch denn das Urtheil, weil von Vorurtheil begleitet, eine Verurtheilung wurde; bei Berthold Auerbach hat man den Juden fast ganz vergessen: und gerade bei diesem, wie bei keinem andern Schriftsteller, möchten wir den Juden mit allem Nachdruck betonen; nicht blos deshalb, weil bei einem liefern Eingehen auf die gemüthliche Seite der Auerback'- 'chen Schriften, auf den iu ihnen lebenden durchweg keuschen, rein sittlichen Geist sich der jüdisch-religiöse Einfluß nicht würde abweisen lassen; auch nicht deshalb, weil ein Theil seiner Schriften, namentlich diejenigen, mit welchen er beim deutschen Volke sich einführte, wie „Spinoza", „Kaufmann und Dichter", jüdischen Stoffen gewidmet sind; was uns veranlaßt, in Berthold Auerbach, dem deutschen Schriftsteller, den Juden so sehr zu betonen, ist ein anderes und, wie uns scheint. Wesentliches. Hält man den Dichter im allgemeinen für den Träger und Ausdruck der Gesammtheit, aus welcher er hervorgegangen: so ist Auerbach einer der würdigsten Repräsentanten echt deutschen Fühleus und Empfindens, wie es in der deutschen Judenheil der Gegenwart lebt und webt. Berthold Auerbach ist nicht der einzige Jude, dessen Denken und Fühlen im deutschen Geiste wurzelt: hundert Tausende, ja die ganze Generation seiner deutschen Glaubensgenossen darf man ohne die geringste Uebertreibung seine Gesinnungsgenossen nennen, wenn es auch nur wenigen gegeben ist, diesem Denken und Fühlen überhaupt einen Ausdruck zu geben, und wohl keinem einzigen, ihm einen solche» Ausdruck wie er zu geben. — Darum haben die Leistungen Berthold Auerbach's für die Juden Deutschlands eine ungleich größere als blos ästhetisch-literarische Bedeutung; sie find eine Urkunde des jedem Deutschen in vaterländischem Empfinden und Fühlen ebenbürtigen und darum gleichberechtigten Juden. Berthold Auerbach trägt in seinen ganz und gar von deutschem Geiste durchwehten Schriften den Juden nie zur Schau; und dennoch oder vielmehr gerade deshalb wird er in der harmlosesten Weise zum Anwalt seiner Glaubensgenossen und oft auch seines Glaubens. Wir schweigen darum von den bereits oben flüchtig berührten, jüdischen Stoffen gewidmeten Arbeiten unseres Verfassers; dürfen wir aber jene Arbeit mit Schweigen übergehen, die Auerbach im XIX. Bande seiner Gesammtschriften dem Lessing'schen Nathan als Drama im allgemeinen und dem Juden Nathan insbesondere widmet!

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