Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 52 (22.12.1863)
- Date
- 1863-12-22
- Page
- Seite 801 (sequence 3)
- Language
- German
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801 den ausschweifendsten Aussprüchen verleiten laßt, desto willkommener muß es uns sein, weil er dann den Typus seiner Motive, die Leidenschaftlichkeit seines Vorgehens um so leichter verräth und seine Widerlegung selbst in sich tragt. Wo das erste Wort der Schrift ihren Gegnern so geradezu ins Angesicht schlagt, wo die künstliche Verdrehung, der Widerspruch gegen die einfachsten und klarsten Sentenzen so offenbar ist, da können wir ruhig und unbesorgt dem Spiele derer zusehen, die gerade von derselben geistigen Beschränktheit, von demselben Borurtheil, von demselben Fanatismus beherrscht sind wie die Buchstabengläubigen, nur daß sie sich der Freisinnigkeil rühmen, die sie ebenso wenig besitzen. Wir haben nur dafür Sorge zu tragen, daß die heilige Schrift wieder recht viel und allgemein in die Hände unserer Glaubensgenoffen komme, um der Nichterfolge der Bibelfeinde sicher zu sein. Jedermann kann leicht beobachten, daß, wenn diese letzteren Anklang und Raum gewinnen, dies nur bei solchen Personen geschieht, welche die heilige Schrift Israels gar nicht kennen. Ebenso wenig haben wir aber die ganze atheistische Richtung zu fürchten. Mögen noch so viele Anstrengungen gemacht werden, die lebendige Welt zu einem Product der starren „Nothwendigkeit", den menschlichen Geist zu einem elektrischen Spiel der Gehirnfasern zu machen; die Menschheit in ihrer Gesammtheit wird diese Ansichten stets als eine Verirrung betrachten, als einen trostlosen Fehlgang des Philosophirens und des wissenschaftlichen Forschens. Die einfachste Beobachtung der Erscheinungen wird immer das Gegentheil lehren. Wer vor irgend einer großen, die Welt ergreifenden Idee oder Thal, vor einer tiefen Combination der Politik, Wissenschaft u. dgl., wer vor einem Kunstwerke, das aus allen schöpferischen Fähigkeiten des Menschengeistes hervorgegangen, steht, wer eine Beethoven'sche Symphonie hört, ein Raphael'sches Gemälde sieht, eine der großen Dichtungen genießt, wie diese ebenso der Natur abgelauscht, aus der feinsten Combination hervorgegangen und aus der intensivesten Begeisterung gequollen, wer von einem begeisterten Redner hingerissen wird oder zu den Füßen eines edlen Weisen sitzt: der wird alle diese Erzeugnisse des Menschengeistes so wenig aus Lage und Beschaffenheit, aus Spannung und Oscillation der Gehirnfasern sich erklären können, wie ein unbefangener Blick in die Unendlichkeit der Welt im großen und kleinen, in ihre Einheitlichkeit, in ihre Gesetzmäßigkeit, in die Zweckmäßigkeit und Schönheit aller ihrer Gebilde sich ein feiner selbst bewußtloses, gedankenloses, Zweck ermangelndes Princip als ihren Ursprungsquell zu denken vermag. Solche Erscheinungen werden von den Zeiten gebracht und wieder hinweggeführt und die ewigen Wahrheiten der Religion und des religiösen Lebens im Menschen werden durch diese Processe nur immer klarer, zuverlässiger und allgemeiner. Nein, so wenig wie der Mensch sich vom Chemiker seine robuste Speise wird wegdemonstriren lassen durch die Versicherung, daß alles nur Gas ist: so wenig kann der Mensch der religiösen Nahrung, der religiösen Ueberzeugung und Tröstung entbehren und alle atheistischen Gase der Welt werden vor dem unumgänglichen Bedürfniß seiner innersten Natur immer wieder verschwinden. Was wir aber wirklich zu fürchten haben? das ist jene niedrige, gememe Gesinnung und Anschauung deS Lebens, die überhaupt mit der Thätigkeit des Geistes, soweit sie nicht auf Erwerb und Genuß zielt, nichts zu schaffen haben will, die außer der Sorge um das tägliche Brot und dessen Verzehrung, um materiellen Gewinn und dessen Genuß gar nichts weiter bedenken, achten, an sich kommen lassen will. Die Verbreitung dieser Geistesarmuth, dieser Gefühllosigkeit, dieser ekeln Nonchalance, um so ekler, als sie sich dabei sehr klug und weise dünkt, diese ist es, welche wir zu fürchten haben und zwar am meisten im Jubenthume, weil dieses als eine Genossenschaft der Minorität um so größerer Opferfähigkeit bedarf und weil die Juden durch den historischen Gang ihrer Verhältnisse am meisten in einem Stande leben, wo diese geistige Krankheit am leichtesten sich verbreitet und endemisch wird. Es ist dies ein Krebsschaden an der Menschheit, der immer weiter um sich fressen kann, die gesundesten Theile ergreift und vergiftete Säfte durch den ganzen Körper sendet. Hiergegen haben wir zu kämpfen, hierauf unsere ganze Aufmerksamkeit zu wenden, dies ist der gemeinsame Feind aller religiösen Parteien und Ansichten! Hiergegen müssen wir sucheu gesundes Leben zu wecken, das Bedürfniß von neuem anzuregen, die traurigen Folgen in der Familie, in der Erziehung der Kinder, selbst in den äußeren Erfolgen des Lebens nachzuweisen, den Gottesdienst zu veredeln, die Schulen zu verbessern, die Literatur zu pflegen und zu verbreiten, das Gemeindeleben zu stärken, die Wohlthätigkeitsanstalten zu erheben und überall die edelsten Ziele der Menschheit zum Bewußtsein und zur That zu bringen! 52*