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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-12-22 · Heft 52 (22.12.1863) · p. Seite 800

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 52 (22.12.1863)
Date
1863-12-22
Page
Seite 800 (sequence 2)
Language
German
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800 allen anderen Lebensgebieten des Menschen; Politik, Wissenschaft und Kunst, Nationalökonomie, Finanzwesen und Industrie biete» dasselbe Schauspiel und es ergiebt sich für uns hieraus die Ueberzeugung, daß dies eben der Charakter unserer Zeit ist, daß wir hiermit in der Religion keiner vereinzelten Erscheinung gegenüber stehen, und dies ist schon ein großer Gewinn. Wir erkennen daraus, daß die Religion nicht mehr gefährdet ist als alle anderen Lebensmomente des Menschen, und so wenig wie eines derselben aus der Wirklichkeit schwinden kann, weil sie alle in der Natur des Menschen liegen, so auch mit der Religion. Es kann daher nur darauf ankommen, zu erfahren, in wieweit eine Verstärkung oder Abschwächung, eine Belebung oder Apathie in der Religion für die Jetztzeit und nächste Zukunft zu erwarten stehe, immer gewiß, daß auch im schlimmsten Falle eine Zeit der Wiederbelebung und Verjüngung nicht ausbleiben werde. So gestaltet sich für uns die Frage nur in den Worten: was wir eigentlich zu fürchten haben? Wer die in diesem Blatte von uns eingeschlagene und stets verfolgte Richtung genauer beobachtet hat, weiß, daß wir einen Kampf der Parteien, d. h. eine Verschiedenheit der Ansichten über einzelne Momente der Religion, den Streit darüber und das Streben, sie in concreter Gestalt auszuprägen, durchaus nicht fürchten, sondern eher, wenn das Gegentheil stattfande. Sollte zu einer Zeit, wo alle wichtigen Objecte der Menschheit zur lebhaftesten Verhandlung, zum nachhaltigsten Ringen und Kämpfen gekommen, in der Religion eine völlige Windstille, eine starre Einförmigkeit, folglich Einseitigkeit und Beschränktheit herrschen, so wäre dies ein erschreckendes Zeichen der Leblosigkeit, der Unbedeutendheit, der Unwirksamkeit. Verschiedenheit der religiösen Ansichten hat niemals im Judenthume gefehlt; aber es kam in seinen verschiedenen Epochen auf die Größe und Wichtigkeit oder die Geringfügigkeit und Kleinlichkeit der Fragen an und es waren immer die entscheidendsten und von den größten Erscheinungen begleiteten Epochen, wo die Fragen Lebensftagen und der Kampf ein starker, kräftiger war. Daß also in unserer Zeit die verschiedenen Ansichten eingreifende, im innern Wesen wie in der äußern Erscheinung eingreifende sind, sich zu Parteien gestalten und diese sich befehden, kann kein Gegenstand der Besorgniß, sondern muß uns in der gegenwärtigen Lage der Menschheit gewissermaßen eine Erhebung und Beruhigung sein. Freilich bleibt hier zu wünschen und zu erstreben, daß aus diesem Kampfe innerhalb des Judeuthums jeder Fanatismus, jeder persönliche Eigennutz, jede Verketzerungs- und Verfolgungssucht, jede Lüge und Heuchelei entfernt bleiben oder beseitigt werden. Diese Forderung kann man von vornherein auf dem religiösen Gebiete am ehesten stellen, weil jede Unsittlichkeil schon an sich irreligiös ist und der sie Begehende auf einen religiösen Charakter keinen Anspruch machen kann. Einen einzelnen Fehltritt kann man hierin verzeihen; wenn aber eine ganze Partei dauernd sich solchen Gebahrens chuldig macht und fortgesetzt in dieser Weise agirt, so hat sie sich hiermit als irreligiös selbst bezeichnet, was sie auch sonst wohl aus ihre Fahne geschrieben habe. Aber auch nicht jene Bibelschänderei, jene absichtliche Verfälschung der israelitischen und jüdischen Geschichte, die jetzt wieder in mancherlei Schriften beiläufig oder als hauptsächlicher Zweck zu Tage tritt, haben wir zu fürchten. Immer, wenn die religiöse Frage wieder lebhaft discutirt zu werden anfängt, kommen dergleichen Erzeugnisse zu Tage. Und es ist dies ganz folgerecht. Wenn die positive Religion, wenn die ganze religiöse Anschauung, wie sie im Judenthume begründet ist und wie sie aus demselben, freilich entstellt, mit heidnischen Elementen vermischt, über die Menschheit sich verbreitet hat, bekämpft werden soll, so wendet man sich immer zunächst gegen die heilige Urkunde, die ihre Mutter und ihr Fundament ist. Da bleibt man nun nicht bei der wissenschaftlichen, philologischen und literar - historischen Kritik stehen; diese beruht in ihrer Objectivität noch nicht auf Feindseligkeit. Aber der Haß und die Feindschaft gegen die Religion kann sich auch nicht mit den Streitftagen und Hypothesen über die Abfasser und Absassungszeit der heiligen Schriften begnügen; sie nimmt ihre Zuflucht zur äußersten Verdrehung und Verfälschung und gelangt, weil sie will, dahin, wie es erst jüngst wieder — wir sagen wieder, weil es nicht neu ist — in einigen Schriften geschehen ist, die Patriarchen für Fetisch-Anbeter, Moses für einen Polytheisten, die Israeliten bis zur babylonischen Gefangenschaft sämmtlich für Molochsdiener u. s. w. zu erklären. Daß dies mit einem großen Aufwande von Gelehrsamkeit und Scharfsinn geschieht, kann uns nicht wundern; man weiß, daß Gelehrsamkeit und Scharfsinn nicht immer die Werkzeuge des gesunden Menschenverstandes sind, sondern öfter noch als Mittel der Sophisterei und Dialektik dienen. Was wir immer von den Expectorationen des Judenhasses sagten, gilt auch von den Jnvectiveu des Bibelhaffes. Je schroffer er austritt, je mehr er sich durch seine Feindseligkeit zu

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