Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1863)
- Date
- 1863-12-15
- Page
- Seite 792 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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792 competenz des Reichsrathes sich erklären und die andern Mitglieder werden dann ein Minoritäts-Gutachten einbringen. —. Független meldet, daß in Pesth 4000 Exemplare des noch nicht versendeten St. Jstvan-Kalenders von der k. k. Polizei mit Beschlag belegt wurden, wegen eines gegen die Juden gerichteten Spottverses. Fünfkirchen, Ende November. «Privatmitth.) Wenn wir unter den jüdischen Zuständen unseres Vaterlandes eine kleine Umschau halten, so findet unser Auge nur selten einen Anhaltepunkt, bei welchem es mit sichtlicher Befriedigung ausruhen könnte. Das gänzliche Abhandensein irgend eines Gemeindegesetzes, welches in die zerfahrenen Zustände Regelung und Ordnung bringen soll, tritt mit jedem Tage in markirtern Umrissen hervor und erzeugt mitunter Thatsachen, die bei Lichte betrachtet uns die Schamröthe ins Gesicht treiben. Die uns in jüngster Zeit bekannt gewordenen höchst bedauerlichen Confiicte zwischen Rabbiner und Gemeinde in Varasdin, Gyula, Geiring Mägocs, die zum Theil in unglaubliche Tätlichkeiten auf heiliger Stätte ausgeartet, sind traurige Symptome einer verderbten Zeit, sprechende Illustrationen des nicht enden wollenden Interregnums, in welchem nicht nur das ganze Land sondern auch wir Israeliten arg mitgenommen werden. Die in Arad von dem sehr tüchtigen Lehrer Ehrentheil herausgegebene Zeitschrift „Jüdische Volksschule" hat zu unserm tiefsten Bedauern ein nur kurzes Leben gefristet. So sehr sich auch für den ungarisch-jüdischen Lehrstand der Besitz eines felbsrändigen Organs als beinahe unentbehrlich herausstellt, man ließ das neue Unternehmen fallen und schon nach 4monatlichem Bestände erlahmte die materielle Kraft des Herausgebers; das Blatt mußte zu erscheinen aufhören. Wir können nicht annehmen, daß die Anempfehlung einer Lehmann'schen Broschüre über Kol-Nidre*) der „Jüdischen Volksschule" ihre Leser und Freunde entfremdet hat; vielmehr sind wir der Ansicht, daß der ung.-jüdische Lehrstand, von der im Lande herrschenden Theuerung um so fühlbarer getroffen, da sich nur selten Gemeinden finden, die wie Szegedin in Rücksicht des Uebelstandes den kärglichen, seit mehreren Jahren sich gleich gebliebenen Gehalt ihrer Lehrer erhöhen, in *) Wir wissen jedoch, daß diese Expectoration dem Blatte sehr übelgenommea ward. Die Redactivn. dem erbitterten Derzweiflungskampfe mit den Bedürfnissen des Lebens die Stimme der Zeit überhört. Bor dem Rufe der eigenen Familie um Brot verstummen alle andere Aufrufe und Zeitungsankündigungen. Die „Jüdische Volksschule" war ein getreuer Freund der Lehrer, ein warmer Dolmetsch ihrer Interessen. Möge es dem Herrn Ehrentheil und uns gegönnt sein, das Wiederaufleben seines Unternehmens begrüßen zu dürfen! — Als ein ebenfalls sprechendes Zeichen der Zeit und als ein Pendant zu der hie und da noch immer herrschenden Begriffsverwirrung wollen wir ein Fac« tum erzählen, das ein Streiflicht auf das Gebühren gewisser jüdischer Gemeindevorstände wirst, die durchaus nicht das constitutionelle Princip auf ihre Fahne geschrieben. Dem Herrn Lehrer in der Gemeinde Siklos kam der unselige Gedanke in den Sinn, mehrere Personen aus seiner Gemeinde in einer Zeitschrift namhaft zu machen, die sich Verdienste um die Hebung gemeindlicher Institutionen erworben. Unter den erwähnten Namen glänzte jedoch der des Herrn Vorstehers durch seine Abwesenheit. Wohl hat dieser die Initiative zum Tempelbau nicht ergriffen, wohl hat er sich um die Leitung seiner Gemeinde nicht verdient gemacht, allein wozu ist man Vorsteher, wenn man nicht ex officio gelobt werden muß, und das um so eher, wenn der Lobspender unglücklicherweise ein abhängiges, durch einen Federstrich brotlos zu machendes Individuum ist! Dem armen Lehrer wurde nun sofort seine Kündigung zugeschickt, und nun dürfte er es sich in Jahr und Tag vergehen lassen, die öffentliche Meinung mit seinen Referaten zu beglücken. Allein auch einem Vorsteher kann etwas Menschliches passiren, und glücklicherweise ist ein jüdisches Vorsteheramt nicht permanent. Wie man spricht, sollen die in der Zeitung Hervorgehobenen mit dem Plane umgehen, das herrschende Regime zu Neujahr zu stürzen und einen aus ihrem Bunde an die Spitze zu bringen, um dem armen S. das Verbleiben auf seinem bis jetzt ehrenvoll bekleideten Posten zu ermöglichen. — Die Triumphe des Dr. Hirschfeld in Augsburg, von welchen inländische Blätter in Lapidarschrift berichteten, haben auch in hiesiger Gemeinde einen angenehmen Eindruck hervorgebracht, obwohl uns der Remplacant des Dr. Hirschfeld seinen Abgang verschmerzen läßt. Herr Rabbiner Ehrlich hat in der kurzen Zeit seines Hierseins alle Gemeindeglieder zu Freunden gewonnen und seine Friedensliebe, sein enormer Fleiß und seine über jeden Zweifel er-