Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1863)
- Date
- 1863-12-15
- Page
- Seite 789 (sequence 7)
- Language
- German
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789 „gattn der Vorbeter sein tiefernstes, herzzerwühlendes „Entsündigungslied, reich an Schrecken und Gnade. 3ch „rang mit einer seltenen Rührung, — schluchzte kramp f- „haft, langgekochte Thranen schossen mir aus den Augen, „ich stürzte wund aber geläutert in die Nacht hinaus. „In jener unvergeßlichen Stunde haftete kein einziges „schwarzes Pünktchen an meiner Seele. Und wer hat „diese Weisen geschaffen? Die Leutchen Wissens nicht, „das Lied ist von den Großahnen auf den Urenkel ge- „kommen. Solche Schmerzensgesange der Völker, dünkt „mich, werden schwerlich von einem Einzelnen ge- „dichtet; ich möchte sagen, die räthselhaften gehen fertig „und gerundet in Hunderten zugleich auf. — Jahre wa- „ren verfloffen. Ich hatte kaum einige Takte mehr die- „fes Liedes im Gedachtniß behalten, strengte mich auch „fruchtlos an, mir das Ganze zurückzurufen; aber als ich „die faulende alte Welt verlassen und auf dem stürmi- „schen Ocean stets naher und näher der neuen Welt zuschwamm, als mein bisheriges Leben mir ein schwüles „und wüstes Traumgebild schien, als ich wieder einmal „nach langer Frist beten und weinen konnte — da plötzlich ging das Kol-Nidre volltönig über mein gene- „sendes Herz. Seit damals ruht es ficher gebettet auf „den Saiten meiner Fidel und ist mir zu Willen, wenn „ich es rufe. Ach ich wünschte wohl, daß es einst an „meinem „Todtenbette von Freundesstimmen mir vorge- „sungeu würde!" — Diese Wendung überraschte mich. „Gemach, gemach, mein Freund", sagte ich, „wir wollen „uns nicht gewaltsam in solche Gedanken hineinbohren, „sonst, muß ich befürchten, zieht wiederum jenes schwarze „Gemüthswetter herauf, welches ich von heutab, Wenns „Ihnen genehm, ein lenauisches Wetter taufen möchte." -Die Kol-Nidre-Frage hat wiederum die Presse in neuester Zeit beschäftigt, und es dürfte das llrtheil eines Lenau über die Melodie des liturgischen Stückes allgemeines Interesse erregen. Die Synagoge hat mehrere solche urwüchsige Melodien, z. B. Psalm 144. rre yns u. dgl., die außerhalb des Kreises derselben zu wenig bekannt sind und deshalb noch gar nicht gewürdigt wurden. Ja das lobende Urtheil einer musikalischen Capacität würde diesen trefflichen Pieren in den Augen unserer eigenen Glaubensbrüder erst recht einen Werth verleihen! * *) *) DaS letztere können wir nicht einräumen, denn über die Mächtigkeit und tiefe Originalität der Kol-Nidre- Melodie ist bei unseren Glaubensgenoffen wohl nur eine Geiger hat auch in seinem riÄip ■'-'2-1 auf die alten Gesangweisen Rücksicht genommen; aber wenn nicht bald tüchtige musikalische Kräfte sich vereinigen werden, um die sämmtlichen alten Melodien des Sidur und Machsor*), wie sie früher bei den vorzüglichen Gemeinden in Haus und Synagoge im Gebrauche waren, zu sammeln; so werden die meisten alten Weisen (obschon in den bekannten Werken der Herren Sulzer, Naumburg u. f. w. viele ausgenommen wurden) der völligen Vergessenheit anheimfallen. Rabbiner Oppenheim. Zeitungsnachrichten. Deutschland. München, 30. November. Eine der Streitfragen, welche die Juristen der Rheinpfalz schon seit Jahren beschäftigen, ist: ob ein Jsraelite angehalten werden könne, einen Entscheidungseid more judaico, b. h. entweder in der Synagoge oder in der Sitzung des Gerichtshofes in die Hände des Rabbiners unter Beobachtung gewisser religiöser Förmlichkeiten zu schwören oder nicht. In Frankreich, wo diese Controverse ebenfalls lange Zeit bestand, wurde dieselbe durch Erkenntniß des obersten Gerichtshofes vom 3. März 1846 beendigt, indem derselbe sich gegen die besonderen Förmlichkeiten des Judeneides als in Widerspruch mit dem Princip der Gleichheit vor dem Gesetze stehend und nicht zum Wesen des Eides gehörig aussprach, in der bayerischen Pfalz jedoch entschied das Appellativnsge- Stimme. Deshalb stimmte die braunschweiger Rabbinerversammlung für die Streichung des Textes und die Erhaltung der Melodie; deshalb die mehrfachen Versuche, einen neuen Text für diese Melodie zu schaffen, von denen aber noch keiner sich eines allgemeinen Anklangs zu erfteuen gehabt. lieber den Gedanken des Kol-Nidre-Gebetes haben wir unsere Ansicht in unserer israelitischen Religionslehre Bd. II, S. 163 ausgesprochen. Die Redaction. *) So z. B. wird -narrw yi-,3 bei den Sepharadim am Sabbath ganz nach der Weise gesungen, wie der Verfasser des Juchasin erzählt, daß dieses Gebet in den babylonischen Schulen im 7. Jahrhundert rccitirt wurde — und ebenso halten früher die «-17271 ^732 , , yn« r« u. dgl. u. dgl. an jedem Feste ihre eigene besondere, oft höchst gelungene Melodie!