Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1863)
- Date
- 1863-12-15
- Page
- Seite 788 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3226364-3226416--21767-3301706- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
788 Literarischer Wochenbericht. Gr.-Becskerek, im November. rfci-tp ■'‘in*; “ibö mbsn •'ariB'n Von Salomo» Geiger. Frankfurt a/M., 1862 und 1863, 1—4. Heft. Wir haben bereits in diesen Blättern beim Erscheinen des 1. Heftes des angezeigten Werkes dasselbe als ein schönes, zeitgemäßes Unternehmen begrüßt, das eine wahre Bereicherung der liturgischen Literatur zu werden verspricht und welches darum die allgemeinste Theilnahme und Anerkennung verdient. Es liegen uns nun 4 Hefte der vortrefflichen wissenschaftlichen Arbeit des Herrn S. Geiger vor, und wir freuen uns, unser gestelltes Prognostikon nicht nur vollkommen bestaigt sondern auch bei weitem überholt zu finden. Mit seltener Belesenheit, Gründlichkeit und Ausführlichkeit gruppirte der gelehrte Verfasser die gesammte Liturgie unv Synagogenordnung des deutschen Ritus und namentlich der frankfurter Gemeinde, 277:72, nach den Tagen des Kalenders — und um die bisweilen langweilige Lectüre und das sterile Thema interessant und anregend zu machen, find jedem Heste zahlreiche wissenschaftliche und weitläufige Noten und Anmerkungen beigegeben, die ungemein lehrreich und nützlich find. Vorzüglich verdienen die vielen grammatischen und sprachlichen Notizen allgemeine Aufmerksamkeit, da dieselben die ausgezeichneten und gelehrten Arbeiten eines R. W. Heidenheim, des Mendelssohn des Machsor, vielfach ergänzen und erweitern. Bei der unverzeihlichen Nachlässigkeit, womit gegenwärtig meist unsere Sidurim und Machsorim gedruckt werden, können wir das Streben des Hrn. Geiger, dem Ueberfluten der schlechten, incorrecten, aber wegen der Concurrenz spottbilligen Ausgaben ein wenig Einhalt zu thun, nicht genug lobend und dankbar hervorheben. Wir find auf die folgenden Hefte, die die Feste behandeln sollen, recht gespannt und wünschen dem Werke eine allgemeine Verbreitung, damit dasselbe ohne Unterbrechung fortgesetzt werden möge.-Wir können es uns nicht versagen, zum Schlüsse ein selrenes, gediegenes Urtheil über unsere Liturgie, über die Melodie des Kol-Nidre, von Lenau mitzutheilen. Karl Beck veröffentlichte vor kurzem im pesther Lloyd „Tagebuchblätter 1843/4": „Mit Nikolaus Lenau", und wir heben folgende Stelle daraus hervor. Beck und Lenau machten einen Spaziergang nach Lerchenfeld und traten in ein Gasthaus ein, wo allgemeiner Jubel herrschte und wodurch der Dichter aus der trüben Stimmung geweckt wurde: „Lenau sagte: Wahrlich, nächstens sollen Sie mich „geigen hören, aber ich schwelge nur im Gewaltigen und „Gewaltsamen. Schroffes, einsames Felsgestein, dunkle „Wälder heimeln mich mehr an als strotzende Weinhügel „und lachende Gärten. Schwarzes Gemüthswetter mit „seinen Wehen und krampfhaften Ausbrüchen hat für „mich mehr Reiz und Inhalt als die hcitere, beruhigte „Stimmung, welche den Geist, so scheint's mir, eher „hemmt als entbindet. Mozart mag die kindlich süße „Sprache der Engel sprechen und uns den Himmel ver- „heißen. Beethoven redet die trotzige Sprache des Titans und fordert uns auf, diesen Himmel zu stürmen. „Ludwig van Beethoven, der das Gelüst eines Prome- „theus willig und stolz mit dem Geier an seiner Brust „bezahlte, ist mein Herr und Meister und ich will keine „Götter neben ihm haben". „Zum Düstern und Stürmischen hinneigend, muß „Sie die Musik unserer Heimat ausnehmend beseligen?" „so frug ich. ,^Db ich sie liebe, diese theueren, wenngleich eintönigen Weisen I" „Ebenso könnte man die See eintönig nennen, und „dennoch nimmt ihr Rauschen unsere ganze Seele gefan- „gen und wers einmal im Leben gehört, sehnt sich ewig „darnach. Begeistert Sie unser Rakoczymarsch? — Zu- „mal wenn er von Zigeunern gespielt wird, rief er leb- „haft. Veni, vidi, vici! Solche Tongewitter haben Je- „richos Mauern umgeworfen!! Nur deucht mir die Mar- „seillaise bei gleichem Schwung unmaßvoller. Der Ra- „koczy will, daß wir die Freiheit erstreiten, die Marseil- „laise hat schon das Bewußtsein der erfochtenen Freiheit „und will, daß wir sie behaupten. Aber näher als diese „Zwillingshymnen in Wehr und Waffen steht meinem „Herzen ein drittes Lied, über und über in Trauer gefüllt, ein langaustönender Nachtgesang bußfertiger, zerknirschter, reuestammelnder Menschenkinder. Kol-Ni- „d re heißt dies Schmerzensgebet; ich Hab' es vor Jahren in der Heimat gehört. Der Vorabend des Ber- „söhnungstages war gekommen. Die Volkssage gehr, „daß Jehovah an jenem Abend gültig beschlösse, ob, wo „und wie der Mensch im Laufe des Jahres enden solle. „Ich drückte mich in einen Winkel der Synagoge, um ,,den Gläubigen kein Aergerniß zu geben. Mächtige „Wachskerzen flackerten, das Volk stand gesenkten Haup- „tes iu weiten schneeweißen Sterbegewandern. Da be-