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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-12-15 · Heft 51 (15.12.1863) · p. Seite 787

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 51 (15.12.1863)
Date
1863-12-15
Page
Seite 787 (sequence 5)
Language
German
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787 Ein französischer Publicist unseres Glaubens beklagte sich neulich über die Zurückhaltung, mit welcher französische Unternehmungen zum Besten des Judenthums in England und Deutschland von den Juden ausgenommen würden, und giebt dies als Motiv an, daß englische und deutsche derartige Entwürfe darum bei den französischen Israeliten keinen Anklang fänden. Er thut dies mit Beziehung auf die in London beabsichtigte Stiftung zum Andenken der Lady Judith Montefiore und in Deutschland zum Gedächtniß des Dr. Rießer. Er beklagt dieses Verhältniß aufrichtig und wünscht, daß es besser werde. Wir können ihm in diesem Wunsche nur beistimmen, dürfen uns aber einige Bemerkungen gestatten. Wir glauben nicht, daß, wenn die französischen Juden den beiden gedachten Stiftungen nur wenig Theilnahme schenken, dies in einer Rancune gegen die englischen und deutschen Juden bestehe, sondern einfach darin, daß Lady Judith vorzugsweise in englischen Kreisen, Rießer in Deutschland wirkten und verehrt wurden. Eine allgemeine Theiluahme läßt sich niemals erzwingen sondern muß unmittelbar aus dem Herzen und der Gesinnung der Masse entspringen, bei der es nun wieder darauf ankommt, wieweit sie von den betreffenden Persönlichkeiten und Gegenständen berührt worden war. Eine gegenseitige Anklage scheint uns daher hierin ganz unstatthaft; es wird immer Dinge geben, die dem einen bedeutsam und wichtig erscheinen und es für ihn wirklich sind, während sie dem andern ferner und fremder geblieben. Es motivirt dies durchaus von keiner Seite eine Beschuldigung oder Geringschätzung, da ja alles Menschliche nur seine gewissen Grenzen und Kreise einnimmt. Wir vielmehr beklagen unsererseits, daß schon wiederholt eine gewisse Eifersucht zwischen französischem, deutschem und englischem Judenthume anzufachen versucht worden ist oder wenigstens ihr ein gewisser Ausdruck gegeben wurde, eine Eifersucht, die völlig am Unrechten Platze ist. Die französischen Juden haben ihre großen Verdienste; sie haben den Ruhm, den Intentionen der mit einem Male ihnen gewordenen völligen Gleichstellung in würdigster Weise entsprochen, auf allen Gebieten des Lebens bedeutende Männer und Charaktere hervorgebracht und so der Welt erwiesen zu haben, daß die jüdische Masse nur der Befreiung von allen Beschränkungen bedürfe, um einen ehrenvollen und verdienstlichen Platz in der Gesellschaft eiuzunehmen. Dagegen wird man uns wenig erwidern können, wenn wir sagen, daß die französischen Juden für das innere Judenthum gar wenig geleistet haben; daß sie nicht für das Studium, die Wissenschaft und die Belebung des Judenthums wirkten und ebenso wenig die Veredlung des Cultus anstrebten, ein Umstand, der um so auffälliger, als er mit der Richtung der Franzosen auf Eleganz und Geschmack in Widerspruch steht. Die deutsche Judenheit hat schwerer zu arbeiten, wozu sie auch durch die Umstände mehr herausgefordert und durch ihre enorme Mehrzahl im Vergleich zu der Zahl der französischen Juden mehr Mittel und Kräfte besitzt. Die Juden Deutschlands hatten und haben den Kampf um ihre bürgerliche Gleichstellung Schritt vor Schritt und an hundert Orten zugleich durchzukämpsen, sich ihre Stellung im Volke und in der Gesellschaft mühsam und immer wieder von neuem zu erobern, einer Reaction zu widerstehen, die sich immerfort mit einer fanatischen Wuth gerade auf sie wirst; die deutschen Juden haben, wie Mendelssohn aus ihrer Mitte entsprang, die wissenschaftliche Umgestaltung und Durcharbeitung und die geistige Belebung des Judenthums, die kräftige Bekämpfung aller seiner Gegensätze, aller ihm feindlichen Elemente und insonders auch die Verbesserung und Hebung des Gottesdienstes, die Reconstruirung des Gemeinde- und die Verbesserung und Hebung des Schulwesens zu ihrer ganz besondern Aufgabe, und so freudig wir auch die Verdienste der Juden in anderen Ländern anerkennen, so wird man uns nicht widersprechen können, wenn wir meinen, daß die letzteren hierin sich nur an die deutschen Juden anlehnen. Das englische Judenthum hat wiederum seine Eigenthümlichkeiten. Es steht, wie der Engländer überhaupt, auf rein praktischem Boden und ist es insonders sein Verdienst, in allen bürgerlichen Tugenden, in factischer Wohlthätigkeit und in dem reellen Einschreiten in allen Unterdrückungsfällen, welche unsere Glaubensgenossen in den orientalischen und afrikanischen Ländern betreffen, vielfach voran zu stehen. Würdigen wir so die Bestrebungen und Erfolge innerhalb unserer ganzen Glaubensgenossenschaft gegenseitig in unparteiischer Weise! Hüten wir uns vor aller Eifersucht und Entfremdung Wolle niemand einen Vorrang vor den andern beanspruchen und die Ehre, eine Vorhut zu bilden, anders als durch Thaten bewähren! Es ist Zeit, daß die vielen Streitigkeiten und Reibungen innerhalb des Judenthums sich mindern, und bringen wir daher keine neuen derartigen Momente zum Vorschein!

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