Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1863)
- Date
- 1863-12-15
- Page
- Seite 786 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226364-3226416--21765-3301704- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
786 unwiderstehliche Kraft der Entwickelung, hingegen dir Zerrüttung und Zerstörung, die durch Krieg und Umsturz bewirkt werden, wie durch sie jene höchsten Rechtsgrundsatze jedenfalls verletzt und verdrängt, die Menschen von einem Gegensätze zum andern getrieben, der Verfall der Völker, der Untergang der Cultur für große Zeitalter herbeigeführt werden, war allen Lehrern des Judenthums von Moses bis auf den heutigen Tag bewußt und dieses Bewußtsein war die Triebfeder ihrer Bestrebungen. Aus dem Grundsätze der Entwickelung fließt aber eben das Recht des Geschichtlichen und Bestehenden. Es kann dies nur ein beschränktes sein. Das Geschichtliche und Bestehende hat ein objectives Recht nur, soweit es eine Verwirklichung jener höchsten Rechtsgrundsätze in sich trägt, ein relatives Recht, soweit es unter den obwaltenden VerhLltniffen diesen Grundsätzen am nächsten kommt und wieweit nach den sich verändernden Verhältnisien es sich von diesem Gesichtspunkte aus umgestaltet. Soweit das Geschichtliche und Bestehende aber zu jenen höchsten Rechtsgrundsätzen in vollem Gegensatz und Widerspruch steht und soweit es trotz den sich verändernden Verhältnissen der wachsenden Verwirklichung jener Grundgesetze hartnäckig sich widersetzt, um den Einzelnen der Gesammtheit gegenüber persönliche Vortheile und Vorrechte zu erhalten, erlöscht nach und nach sein Recht und wird zum vollen Unrecht. Aus diesen Grundsätzen der Entwickelung heraus werden wir unser Urtheil über die speciellen Institutionen der verschiedenen Zeiten und Völker aus dem Boden der höchsten Rechtsgrundsätze doch nach den geschichtlichen Verhältnissen, Um- und Zuständen gestalten und fällen und hiernach, soweit wir persönlich an den gesellschaftlichen Bestrebungen und Kämpfen unserer Zeit Theil nehmen, ver ahren. Nicht im geringsten werden wir dadurch schwankend, unsicher, unzuverlässig, aus beiden Hüsten hinkend sein; aber wir werden auch nicht einem starren System, einer abstracten Theorie, einer extremen Parteinahme uns bedingungslos hingeben, sondern auf den Boden der geschichtlichen Entwickelung in eifrigster Förderung dieser die höhsten Rechtsgrundsätze, wie die Religion sie uns lehrt und zur relidie Gleichberechtigung aller wachte, zeigt sich z. B. auch darin, daß, abgesehen von den freiwilligen Gaben, jeder Israelit zum Bau der Stistshütte einen halben Schekel, „der Reiche nicht mehr, der Arme nicht weniger", steuern mußte, um jedem einen gleichen Antheil am Heiligthume zu sichern. giösen Pflicht macht, als höchstes Ziel vor Augen haben und in unserm eignen Wandel und Thun zu bethätigen streben. Zerstreute Bemerkungen. Jüngst wohnten wir einer Aufführung der „Schöpfung von I. Haydn" bei und wurden abermals von diesem außerordentlichen Tonwerke ergriffen. Es kam uns dabei wieder zum Bewußtsein, wie die Worte unserer Schrift durch alle Jahrtausende hindurch ihre unerschöpfliche Wirkung üben und trotz aller Verkehrtheiten ihrer Auffassung und trotz aller Anfeindungen ihrer Gegner in ewiger Frische die Geister beherrschen und beleben. Schon ein alter griechischer Rhetoriker iLonginus) hebt die unnachahmliche Erhabenheit, Kraft und Würde bei so außerordentlicher Einfachheit hervor, welche in der Schöpfungsgeschichte am Anfang der heiligen Schrift ausgeprägt sind. Freilich hat man später diese Schöpfungsgeschichte von zwiefacher Seite aus gleichsam eingesargt; von der einen Seite durch den ängstlichsten, todtesten Buchstabenglauben, von der andern Seite durch eine sog. wissenschaftliche aber höchst kleinliche, todte Kritik, während die großen Schöpsungsgedanken, die in der Schrifterzählung ausgedrückt sind, ewig lebendig und wahr sind. Zum Ersätze gleichsam hat das erste Kapitel unserer Schrift drei Interpreten gefunden, die seiner würdig sind. Es sind der Sänger des 104. Psalms und Milton in seinem paralli^o lost in ihren dichterischen Umschreibungen und Joseph Haydn als Componist. Bei dem letzteren vereinigen sich alle drei, die Thora, der Psalm und Milton, um den Text zu liefern, und ein musikalisches Genie, das die zarteste Kindlichkeit mit der tiefsinnigsten Erhahabenheit, eine unerschöpfliche Fülle von Melodie mit ebenso zarter wie reicher Jnstrumentirung und Harmonisirung vereinigt, um ein Tongemalde zu schaffen, aus welchem die Textesworte überwindend und begeisternd entgegentreten. Wenn Thora und Psalm so lange leben werden wie die Menschheit selbst, wenn Milton nur mit dem Erlöschen der brittischen Sprache vergehen könnte, so wird Haydn's Schöpfung, solange die musikalischen Gesetze, wie sie in der europäischen Civilisation sich entwickelt haben, Geltung haben werden, eine der höchsten Ehreustellen einnehmen.