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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-12-08 · Heft 50 (8.12.1863) · p. Seite 774

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 50 (8.12.1863)
Date
1863-12-08
Page
Seite 774 (sequence 8)
Language
German
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774 allem Widerstreben auch für die Juden zu verwirklichen und daher auf die Juden ein hohes Anrecht auf die Darkbarkeit erwirbt, tritt die Forderung der Nationalen an sie heran und verlangt von ihnen eine völlige Hingebung. Nun kommt aber hinzu, daß, namentlich bei den weniger cultivirten Nationalitäten, die Gunst, welche sie in der Zeit der Gefahr den Juden zuwenden, sehr häufig mit dem erlangten Siege verschwindet und sie nachmals die Juden wieder als Fremde ansehen wollen. Die Zeit wird auch diese Fragen lösen und den Boden für eine geordnete und berechtigte Wirksamkeit ebnen; aber bis dahin wird es noch lange währen und viele Kämpfe herbeiführen. Wie im großen, so dies auch im Leinen. Es ist bekannt, wie in Böhmen, namentlich in Prag, zwischen den Czechen und Deutschen ein Kampf stattfindet, und von beiden Seiten wird der Versuch gemacht, die Juden zu sich herüberzuziehen. Der akademische Leseverein, der sich als einen rein czechischen bezeichnet, hat in diesen Tagen einen Dr. Basthr, einen Israeliten, zu seinem Vorsitzenden gewählt und diese Wahl wurde durch die czechischen Parteiblätter als ein kräftiger Beweis ihrer Toleranz ausposaunt. Die deutschen Blätter heben nun hervor, daß, da der Vorsitzende nur aus den ordentlichen Mitgliedern des Vereins gewählt werden dürfe, Dr. Vastyr aber als Promotus nicht mehr zu den ordentlichen Mitgliedern gehöre, diese Wahl nur ein Scheinmanoeuvre sei, weil sie nicht bestätigt werden könne. Hätten die Czechen wirllich einen Juden zum Vorsitzenden haben wollen, so hätten sie den Dr. Vastyr früher oder jetzt einen andern Juden wählen müssen. Dies sind nun freilich harmlose Dinge, und wünschten wir wohl, daß wir niemals den Streit um Gefährlicheres sich drehen sehen mögen. Wien, 25 November. (Privatmitth.) Gestern um 6 Uhr abends wurde hier ein auf Veranlassung vom Herrn Dr. Jellinek gegründetes Beth-bamidrasch feierlich eröffnet und eingeweiht. In dem geräumigen Locale, bestehend aus 3 Zimmern im Parterre des neuen Tempelgebäudes in der Leopoldstadt, fand sich nebst den Vertretern der Gemeinde und des Tempelvorstandes ein zahlreiches Publikum ein. Herr Dr. Jellinek hielt die Eröffnungsrede; er wies auf die frühere Geschichte der Juden Wiens hin, die sich in der Pflege der Thora und des Talmuds immer auszeichneten, erwähnte daun die hochherzigen Männer, die mit solcher Bereitwilligkeit nicht unbedeutende Summen opferten, um das Leth-hainiärascd ins Leben zu rufen — eS sind dies: Herr Bernhard Pollak jun. mit 2000 fl. und Ankauf einer großen Bibliothek; Herr W. Guttmann mit 1100 fl.; Herr Goldmann mit 500 fl. u. a. — und setzte das Programm dieses Lehrhauses auseinander. Es ist dieses: "raVm Jeder kann nach Herzenswunsch lernen, aber auch gelehrt soll werden; vor allem sollen volkSthümliche, populäre Borträge, vor mindergebildeten Zuhörern, am Samstag und Sonntag-Nachmittag gehalten werden. Herr Rabbinatscandidat Friedmann — nebenbei gesagt ein sehr tüchtiger Forscher und Kritiker, Verfasser eines gediegenen Commentars über ■nso, der jetzt im Drucke erscheint — wird zu diesem Zwecke den Pentateuch mit dem Commentar kasctn erllärend vortragen. Ferner was talmudisch-casuiftische Wissenschaft und jüdische Literatur überhaupt betrifft, werden außer Dr. Jellinek die Herren: Rabb. Horwitz, Chacham Baruch, Prof. Pinsker, Szsntö, Jnstituts-Director Deutsch, Religionslehrer Dr. Wolf und Hammerschlag, Isaak ToneliS (Verf. des Schare Binah), I. H. Weiß (Herausgeber des k-iso) und Rabbinatscandidat Nehem. Brüll wechselsweise vortragen. — Dr. Jellinek empfahl schließlich das neue Institut dem Wohlwollen der hochherzigen Gemeindeglieder zur materiellen Unterstützung, die sowohl in Geld wie in Büchern bestehen kann, und betonte beim Schluffe seiner Rede besonders, daß es eine Stätte des Friedens sein möge, wo keine Parteispaltungen und Zerllüftungen abhalten sollen, die gute Sache zu fördern. Nach chm sprach Herr Pred. Mannheimer. Der alte Glaubensheld zeigte in warmen Worten seine Freude darüber, daß endlich ein Institut ins Leben gerufen ist, wo die heiligen Lehren aus der Urquelle geschöpft werden sollen; er gedachte jener schlimmen Tage, wo sich hier der Religionsunterricht der Jugend auf das Hersagen einiger katechetischen Sätze beschränkte; das habe er immer mtt den Prophetenworten ■nb**3i np-’Dizr a-naa bezeichnet; auch für den Kanzelredner waren es schlimme Tage, und chm selbst habe es oft passirt, daß er für dasjenige, was fein Inneres dachte, in dem den Quellen unserer Literatur entftemdeten Publikum keine Ohren fand, und konnte er mtt Rabbi Wkiba sagen: „Viel Geld habe ich, aber keinen, der es wechselt". Er schloß mit einem Segen auf die Institution und alle, die sie zu erhallen suchen.

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