Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 50 (8.12.1863)
- Date
- 1863-12-08
- Page
- Seite 773 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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773 stände befindet", und werde darthun, daß diese Behauptung, welche Herr Dr. H. als Verläumdung zu bezeichnen sich erdreistet, vollkommen begründet ist. — Durch meine Stellung als Vorsteher der hiesigen Cultus-Gemeinde hatte ich hinlänglich Gelegenheit, die Mängel des nassauischen Cultuswesens kennen zu lernen, und da von anderer Seite bisher in dieser wichtigen Sache nichts geschah, hielt ich es für Pflicht der Cultus-Vorstände, dieselbe in die Hand zu nehmen und veranlaßte im Einverständniß mit dem CultuS-Borstande in Wiesbaden im Juni d. I. eine Vorsteher-Versammlung zu EmS, welche sehr zahlreich aus allen Theilen des Herzogthums besucht war und worüber ich Ihnen s. Z. in No. 28 der Allg. Ztg. d. Jud. berichtete. — Die Theilnehmer jener Versammlung erschienen lediglich im Interesse der guten Sache; persönliche Vortheile hatte niemand im Auge und Machinationen, wie sich Herr Dr. H. ausdrückt, haben nicht gewaltet. — Der von mir vorgelegte Entwurf einer Eingabe an die herz. Landesregierung wurde in allen Theilen discutirt, die Verhandlungen wurden von zwei Vorstehern protocollirr und ich erhielt den Auftrag, die Petition demgemäß zu redigiren und abzusenden, was denn auch sehr bald geschah. — Das Religionsschulwesen war ein Hauptgegensland der Debatten und von keiner Seite wurde bestritten, daß die Ausbildung der nassauischen Lehrer eine höchst mangelhafte sei, ein Unheil, dem die Collegen des Herrn Dr. H. zweifelsohne beistimmen. — Der eben Genannte will nun durch den Nachweis, daß er während seiner Thätigkeit als Seminardirector 27 Lehrer ausgestellt habe, den Beweis führen, daß das Seminar für das Bedürfniß ausreiche; ebenso glaubt er durch die ihm zugekommenen Nachfragen aus Rheinhessen und Rheinpreußen darzuthun, daß seine Zöglinge gründlich vorbereitet seien. — Beides sind nichts weniger als Beweise, denn die Zahl der entlassenen Seminaristen giebl ebenso wenig einen Maßstab für deren Befähigung ab als die Nachfrage nach Lehrern; aus der letztern läßt sich höchstens schließen, daß anderswo es eben wohl an Lehrern fehlt und daß man etwa unterstellt, die nassauischen Lehrer seien brauchbar. — Die Zöglinge des Herrn Dr. H. kommen in der Regel vom Lande, entbehren aller Vorkenntnisse und werden nichtsdestoweniger ins Seminar ausgenommen; sie besuchen die Realschule in Ems und Hr. Dr. H., der Director und alleiniger Lehrer der Anstalt, unterrichtet sie im Vorbeten, in Religion, hebr. Sprache u. s. w.; sie verlassen gewöhnlich nach 2 bis 2*,'2 Jahren das Seminar, meist ohne Schlußprüfung, und treten in die Welt als Erzieher und Bildner der Jugend, sind aber oft so wenig ausgebildet, daß man ihnen den Namen „Lehrer" beizulegen Anstand nehmen muß. — Viele von ihnen können nicht einmal orthographisch deutsch schreiben (Belege habe ich in Händen), die wenigsten wissen etwas von deutschem Stil, ihre Kenntnisse im Hebräischen sind sehr oberflächlich; ein deutsches Gebet mit Wärme und Anstand vorzutragen lernen sie nicht und von allgemeiner Weltbildung kann natürlich gar keine Rede sein. — Sie genießen schon von vornherein keine Achtung bei ihren Schülern, weil letztere einsehen, daß viele von ihnen mehr wissen als die Lehrer, und deren Unterricht kann deshalb nicht von segensreichen Folgen sein. Es läßt sich dies aber auch nicht anders erwarten, da Herr Dr. H. als Bezirksrabbiner des dritten Theils des Herzogthums durch Jnspections-, Prüfungs-, Eonfirmations - und Eopulationsreisen einen großen Theil des Jahres nicht zu Hause ist und inzwischen seine Zöglinge, welche alle in seinem Hause wohnen, einer jeden Beaufsichtigung und des Unterrichts in Religion und den hierzu gehörenden Fächern entbehren und sich ganz selbst überlassen sind. Diese Schilderungen sind traurig, aber wahr, und wird sie mir kein Nassauer, der nur einigermaßen Interesse am Cultuswesen hat, bestreiten, und die emser Versammlung wird, ich hoffe es, nicht umsonst getagt haben und die Beseitigung dieser Mißstände bezwecken. — Ich werde mir erlauben, Ihnen später das Resultat mitzutheilen, bemerke jedoch gleichzcittg, daß dieses meine letzte Entgegnung Hrn. Dr. Hochstatter gegenüber sein wird. Wolf Herman, Cultus-Vorfteher. Oesterreichischer Kaiserstaat. Prag, 20. November. lPrivatmitth.) Es wird für den künftigen Geschichtschreiber, nicht blos der Juden sondern der allgemeinen europäischen Völkerentwickelung, ein sehr interessantes Moment sein: Die Juden inmitten der Nationalfrage. Die Schwierigkeit in der Stellung der Juden, dem historischen Staate und den Nationalen gegenüber, ist aller Orten sehr groß. Gerade in einer Zeit, wo der geschichtliche Staat sich dazu heranläßt, den Grundsatz der Gleichberechtigung trotz