Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1863)
- Date
- 1863-12-01
- Page
- Seite 761 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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761 Die Deputation der preßburger Judengemeindc ist heute hier eingetroffen und wird übermorgen am allerhöchsten Hofe die Martinigänse in üblicher Weise überreichen. Die Gänse sind auch heuer prachtvolle Exemplare und wurden mit Bändern in den ungarischen Nationalfarben aufgeputzt. Von Preßburg nach Wien wurden die Gänse, um das auf der Eisenbahn unvermeidliche Rütteln zu beseitigen, getragen. Pesth, 15. November. Wie dem Sürgöny und dem Független aus Wien geschrieben wird, ist an die ungarischen Landesbehörden eine Verordnung erflossen, in welcher die in Betreff der israelitischen Ehen bestehenden Vorschriften zu genauer Danachachtung wiederholt eingeschärft werden. Motivirt wird diese Verordnung durch folgende Eingangszeilen: „Auf Grund ofsicieller Anzeigen wurde in Erfahrung gebracht, daß bei den im Lande wohnenden Juden in Betreff der Schließung, Trennung und Auflösung von Ehebündnissen solche Mißbräuche und Unordnungen um sich gegriffen haben, welche die höchsten socialen Interessen zu gefährden geeignet sind; namentlich aber wurde in Erfahrung gebracht, daß nicht selten die Ehen mit vollständiger Umgehung der Kirchenpersonen durch Intervention von Laien im Geheimen geschlossen und auf dieselbe Weise auch getrennt werden, ohne daß die Ehen oder die denselben entsprießenden Kinder ins Matrikelbuch eingeschrieben würden." Wien, im November. (Privatmitth.) Wenn es Ihnen fraglich ist, ob der Herr Geldwechsler Deutsch und seine Denunciationen noch jetzt der Erwähnung werth sind, so ist es wohl wahr, daß derselbe keinen Zutritt bei dem Herrn Staatsminister v. Schmerling hat, dagegen aber noch Connexionen bei den Männern des alten Regime, und das ist auch gegenwärtig noch nicht ohne Bedeutung, besonders da niemand die Zukunft vorausweiß. Daher ist es nothwendig, daß sein früheres Thun und Treiben aufgedeckt werde und besonders den Orthodoxen, die etwa noch zu ihm halten, gezeigt wird, was an dem Manne ist und was seine Zwecke waren. Pesth, im November. (Privatmitth.) In diesen Tagen ist das „Programm zur Prüfung in der Talmud-Thora am 9. November" erschienen. Dasselbe enthält eine Ansprache des Oberrabbinen Dr. W. A. Meisel: „Wohin muß unser Hauptbestreben gerichtet sein? Ein ernstes Wort an die Freunde der jüdischreligiösen Wissenschaft." Der Verfasser schildert zunächst „die betrübende Wahrnehmung, daß die Kenntniß des hebräischen Schriftthums unter den Israeliten in der Abnahme begriffen ist" und fürchtet, daß selbst diejenigen, welche in der jüdischen Theologie ihren Lebensberuf finden wollen, immer weniger Gelegenheit haben, sich genügendes Wissen zu verschaffen. Ausführlich schildert er die Wichtigkeit, welche unsere Väter in allen Zeiten der religiösen Wissenschaft ununterbrochen beigelegt. „Unserer Zeit scheint die traurige Aufgabe gegeben zu sein, in Bälde diese große Strömung des Geistes versiegen zu lassen." Die Erziehungs- und Bitdungsanstalten leisten hierin immer weniger, jüdische Präparandien bilden ihre Zöglinge nicht zu Lehrern im vollen Sinne des Wortes aus und die Besorgniß, daß es an tüchtigen jüdischen Lehrern fehlen werde, findet immer mehr Raum. Aus dem Hause schwindet die religiöse Uebung immer mehr und die Synagoge wird nur an den höchsten Feiertagen besucht. Es ist daher vor allem dahin zu streben, daß die Lehrer im jüdisch-religiösen Wissen ausgebildet werden, und da selten die Söhne bemittelter Eltern diesen Weg wählen, so müssen Alumnate geschaffen werden, die es den Eandidaten des Lehramts möglich machen, sich ihrer Ausbildung hinzugeben. In diesem Sinne hat der Verfasser eine Suppenanstalt gegründet, welche im verflossenen Jahre 1610 fl. eingenommen, 976 fl. für Suppen- und Brotmarken und 151 fl. für baare Spenden an arme Studirende ausgegeben, also noch einen Baarvorrath von 479 fl. besitzt. — Diese warme Ansprache des Dr. Meisel ist ein Wiederhall der nun seit dreißig Jahren immer wiederholten Klagen, die wir für höchst nothwendig anerkennen, deren Abhilfe wir immer mehr wünschen, zu deren Beseitigung aber auch in Deutschland schon vielfache Schritte geschehen sind, da wir jetzt jüdische Lehrerbildungsanstalten bereits in Breslau, Berlin, Hannover, Münster, Ems und noch einigen Orten besitzen, eine Zahl, die allerdings noch lange nicht genügt und unter denen mehrere ihre Wirksamkeit für das jüdischreligiöse Wissen noch bedeutend verstärken müssen. — Hierauf folgt der „Bericht über die Entstehung und dreijährige Wirksamkeit der Talmud-Thora von Heinrich Deutsch." Diese Anstalt verdankt dem vr. Meisel ihre Entstehung. Der Zweck ist, jungen Leuten 49