Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-12-01 · Heft 49 (1.12.1863) · p. Seite 757

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 49 (1.12.1863)
Date
1863-12-01
Page
Seite 757 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226364-3226414--21732-3301663
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

757 Zeiten vor dem Exil voraussetzen muffen. Als eine Anzahl von 42,000 Männern mit Serubabel nach der Trümmerstatte von Jerusalem zurückkehrte, konnten die meisten ihr Geschlechtscegister Nachweisen, wie uns eben der Umstand erweist, daß ein anderer Theil von ihnen dies nicht vermochte. Solche Geschlechtsverzeichniffe muffen also mit ihnen aus Juda nach Babel gewandert und daselbst aufbewahrt und fortgesührt worden sein. Auch in den babylonischen Landern blieben die Geschlechter bei einander, treten die Häupter der Geschlechter und Familien als solche auf, bilden sich Gemeinden unter Aeltesten und Vorstehern, ja der ganze Stamm Juda steht unter solchen Aeltesten, wie diese am Chaboras bei dem Propheten Jecheskel wiederholt sich eiufinden, um das Wort des Herrn von ihm zu hören (8, 1. 14, 1.). Der Prophet widmet diesen eine besondere Rede (Kap. 34) und giebt uns einigen Einblick in die damaligen Zustande innerhalb dieser Gemeinden. Die Vorsteher handelten eigennützig und habgierig gegen die Glieder ihrer Gemeinden. Statt, wie es ihre Pflicht war, den Leidenden, Durstigen, Versprengten, Verlorenen, also denen, die keine Niederlasiung gefunden, keinen Erwerb sich schaffen konnten, beizuspringen und für sie zu sorgen, herrschten sie über die ihnen Anvertranten mit Strenge, mißbrauchten die Gewalt, welche ihnen die herkömmliche Einrichtung und wohl auch die Herrscher des Landes verliehen, um ihren Untergebenen Steuern abzupreffen, sie zu bewuchern und zu unterdrücken, so daß viele die gemeinsame Wohnstätte verließen und sich in anderen Landschaften zerstreuten. Der Prophet hält ihnen ihr Unrecht vor, bedroht sie mit der härtesten Vergeltung, freilich wissend, daß seine Mahnung wenig nützen würde. Hier, wo das Volk ganz machtlos war, konnten die, welche von der überlieferten Sitte an die Spitze seiner zerstreuten Bruchtheile berufen waren und das Vertrauen der Herrscher sich erworben hatten, ihre Stellung gar leicht mißbrauchen. Allein wenn dies auch hier und da'der Fall war, so diente doch dieses Festhalten an der alten Volksverfassung, dieses sie zusammenhaltende Band ganz besonders zur Erhaltung der in so ausgedehnten Ländern zerstreuten Haufen. Hierzu kam glücklicherweise eine Anzahl Männer, Daniel an der Spitze, welche sich den Zutritt bis zum Throne öffneten, zu den höchsten Staatsämtern gelangten und selbst den Märtyrertod nicht fürchteten, und dieses nicht allein um der höchsten Principien der Religion willen sondern auch für die Uebung einzelner Gesetze und Brauche, wie der Speisegesetze, der bestimmten Gebetzeiten. Durch diese Männer wurde die israelitische Religionsanschauung zu einer zeitweise bedeutsamen Geltung gebracht und die jüdische Masse erlangte sogar eine Art von Machtstellung; sie war eine Partei, die in Ansehen und Macht stieg und sank, wie es in asiatischen Despotien mit allen Parteien ging und geht. Von der Eroberung Canaans an bis nach der Rückkehr aus Babel sehen wir also die Grundlage des israelitischen Volkslebens in starker Selbständigkeit des Gemeindewesens bestehen. Jede Stadt, jeder Flecken, jedes Dorf bildete eine eigene Gemeinde mit ihrer völlig freien Verwaltung und eigener Gerichtsbarkeit, die sich auch über Leben und Tod erstreckte. Im Buche Ruth nimmt Boas, um einen rechtsgültigen Vertrag zu bewirken, in seinem Wohnorte Bethlehem „zehn Männer von den Aeltesten der Stadt", bringt sie nach dem Ring am Thore und vollzieht hier den Lösungsact für die der Naemi von ihrem verstorbenen Manne zugefallenen verkauften Aecker. Die Anzahl der Aeltesten der Stadt mußte also eine größere als zehn sein «Vgl. Jirm. 32, 6 ff.). Als Jsebel den Naboth mit einer Anklage überraschen und verderben will, wird die Stadtgemeinde Jesreel zu einem Gerichtstage versammelt und Naboth der Vorsitz gegeben; dann treten die erkauften Zeugen gegen ihn auf, schwören einen Meineid, bewirken dadurch die Verurtheilung Naboths, und seine Hinrichtung erfolgt durch das Volk. In gleicher Weise fand auch die Selbstverwaltung statt, und der Einfluß der königlichen Macht bestand wesentlich in der Auferlegung von Steuern und in der Aushebung von Soldaten. Wurden diese drückend, so wurde das Volk schwierig, wie eben der Abfall der zehn Stämme es bethätigte und wie dies oft genug den Bürgerkriegen im Reiche Israel zu Grunde gelegen haben mag. (Fortsetzung folgt.) Spenden-Liste für die Riester-Stiftung I) zur monumentalen Herausgabe der Schriften Nießer's, 2) zur Unterstützung solcher Israeliten, die Gerichtsassefforen oder zu Gymnasial- und Universitäts- Lehrämtern befähigt, aber ihrer Religion wegen nicht angestellt sind. 1050) Theodor Kirchberger in Niederlahnstcin, zweite Gabe 2 Thlr. 20 Sgr. 1051) nnd 1052) Rabb. Dr.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.