Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1863)
- Date
- 1863-12-01
- Page
- Seite 756 (sequence 4)
- Language
- German
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756 gewordene Gesetz fort; es erstanden die Propheten, die mit gewaltiger Rede die im Volke zerstreuten Funken zur mächtigen Flamme anfachten und der starken Gegenpartei entgegentraten. Die Geschichte des israelitischen Köuigthums ist daher wesentlich die Geschichte des Kampfes auch der Volksfreiheit gegen den Despotismus, und die Verfolgung der treuen Anbanger der Gotteslehre entsprang nicht etwa blos aus religiösen Begriffen und Grundsätzen, sondern aus d^m Streben despotischer Willkürherrschaft, welcher eine habgierige und herrschsuchtige Aristokraten- und Priesterpartei zur Seite stand. Wie blutig oft dieser Kampf war, ersteht man aus der Geschichte des Propheten Elijah. Daß aber dennoch selbst vom despotischesten Könige das Gesetz immer noch berücksichtigt werden mußte, erkennt man aus dem Vorgänge mit Naboth unter Ahab, der sich der falschen Zeugen vor Gericht bedienen mußte, um dem Naboth das kleine väterliche Erbgut zu entziehen, welches dieser nach dem mosaischen Gesetze nicht verkaufen durfte und wollte. Das fortgesetzte Streben der Könige von Israel aber und die unaufhörlichen Bürgerkriege, die Entfernung von Jerusalem, die Austreibung und Auswanderung der Priester, Leviten und frömmeren Glieder des Volkes bewirkten aber dennoch im Zehnstämmereich das Aussterben des ganzen religiösen Lebens, des Gesetzes und der Bolksfreiheit, so daß die Verbannten von Samarien das geringste Maß davon mit nach den assyrischen und medischen Gebieten brachten, darum größtentheilS in die dortigen Völkerschaften aufgingen, zum kleinern Theile sich später mit den Exulanten aus Jerusalem in den babylonischen Landschaften verschmolzen. In Juda hingegen brach die Partei der Gotteslehre immer wieder einmal durch, hatte bis zum Ende einen bedeutenden Anhang und die gewaltigsten Redner, so daß sie mit nicht geringer Intensität auch in die Gefangenschaft mitwanderte. Wenn im Innern der Kampf zwischen der Gotteslehre und dem Heidenthume zugleich den zwischen dem Despotismus und dem Bolksrechte bedeutete, so trat er auch in der äußern Politik mit nicht minderen Gegensätzen zu Tage. In der Mitte des achten Jahrhunderts vor d. gew. Zeitr. begann die eigentliche Sturmzeit für das israelitische Völkchen. Es entspann sich daS Ringen Aegyptens mit den großen asiatischen Dynastien um die Herrschaft in Borderasien. Zuerst war es die assyrische Macht, alsdann die medisch-chaldäische, welche Aegypten entgegentrat. Juda und Israel waren zwischen diese beiden kämpfenden Kolosse eingekeilt, vermochten nicht sich von ihnen fern zu halten, und mußten daher darauf denken, welcher Macht Partei sie ergreifen wollten. Hier war es nun, wo die innere Spaltung abermals zum Vorschein kam. Die königliche Partei neigte sich stets Aegypten zu, weil die Selbständigkeit von dem asiatischen Nachbar bedeutender bedroht schien und weil das schwächere Aegypten vielmehr eine Landesgenossenschast als eine Unterwerfung zu verlangen den Anschein hatte. Dieser im Zehnstämmereich unbedingt herrschenden Partei fiel das letztere zum Opfer und der assyrische König drang siegreich in die Thore Samariens ein. In Juda aber verlangte die Volkspartei, an ihrer Spitze die Propheten, den Assyreru gegenüber die Vertheidigung der Unabhängigkeit und fetzte diese unter Chiskija mit Glück durch; den Chaldäern aber gegenüber forderte sie einen treuen Anschluß an diese Macht und den Kampf gegen Aegypten, theils weil sie in der Unterwerfung unter die Chaldäer den Fortbestand Juda's erblickte, theils weil sie von Aegypten den Einbruch des dumpfesten Götzenthums fürchtete und die traditionelle Abneigung gegen das Land der Pharaonen hegte. Sie verlor aber im Könige Josckija, der in dem Kampfe gegen Aegypten fiel, ihre Stütze, und alle ihre Anstrengungen, die sich namentlich im Propheten Jirmeja bis zur höchsten Selbstentäußerung steigerten, waren ftuchtlos. Die Könige von Juda wichen nur den Siegen der Chaldäer und spannen hinter deren Rücken immer wieder Verschwörungen mit Aegypten an; die sich widersetzende Volkspartei wurde mit Kerker und Geißel gewaltsam niedergehalten. Der Ausgang war ein trauriger, die unausbleibliche Folge derartiger Politik, die sich in der Geschichte der Völker so oft wiederholt hat und deren Lehre an den Herrschern immer wieder wirkungslos vorübergeht. — Wenn von der einen Seite das ununterbrochene Leben im überlieferten und fortgebildeten Gesetze während dieses ersten tausendjährigen Bestandes viel zu hoch und zu stark angenommen wird, um eben der Tradition eine ununterbrochene Kette zu beschaffen: so wird es im Gegentheil von den Krittlern, die sich dabei an die unS überkommenen Berichte in den Büchern der heiligen Schrift allzusehr auklammern, denen sie nicht minder eine zu geringe Glaubwürdigkeit beimessen, viel zu gering angeschlagen. Aber so unbedeutend im ganzen die Nachrichten sind, welche uns über die babylonische Gefangenschaft überkommen sind, so lassen uns doch einzelne Züge schließen, wie stark das Gesetz und das Herkömmliche in den Exulanten lebte, so daß wir Desgleichen von den