Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 48 (24.11.1863)
- Date
- 1863-11-24
- Page
- Seite 747 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226364-3226413--21721-3301651- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-47 wies ihn sodann an den Rabbinats - Assessor Herrn Rosenstein sowie an den Cantor Herrn Lichtenstein daselbst, welche beide als einen bedeutenden Ruf haben; er erwiderte mir aber, daß er bereits bei beiden gewesen und es beide abgelehnt haben, ersterer, weil er sich für zu alt und zu schwach zu solcher Operation hielt, letzterer, weil er bisher eine derartige Operation noch nicht gehabt. — Ich fragte ihn nach dem Grunde, warum er Jude werden wolle, und er erwiderte mir wahrhaft und aufrichtig, daß er bereits seit seiner ftühesten Jugend das Bedürfniß gefühlt, Jude zu sein; daß er sich nie habe mit seiner Religion befriedigen können, sondern die mosaische Religion als die einfachste, daher reinste und richtigste erkannt und nur den einzigen Wunsch hege, dieser letzteren anzugehörcn. Er verwies mich auf die Anzeige einer berliner Zeitung, worin es hieß, daß er dem katholischen Probst an der Hedwigs-Kirche zu Berlin dieselbe Erklärung gegeben habe. Gleichwohl nahm ich ihn dennoch ins Verhör, ob nicht vielleicht irgend welches Interesse, namentlich ein Verhältniß, ihn zu diesem Schritte veranlaßte; doch ich überzeugte mich in Wirllichkeit, daß nur der innere Hang zum Judenthum ihn dazu trieb. Unter solchen Umständen glaubte ich mich nicht berechtigt, ihm seine Bitte abzuschlagen, und im Bedenken, daß ich erst seit circa 4 Jahren bm» bin, hoffte ich auf die Allmacht Gottes, die in ihm den Gedanken, Jude zu werden, erweckt, daß sie auch mir bei der schweren Operation beistehen werde. — Der heilige Act ist nun heute hier in meiner Wohnung im Beisein mehrerer hiesiger Gemeinde-Mitglieder sowie des königl. Kreis-Phhsikus, Sanitäts-Raths Herrn Dr. Tschepke von hier, vollzogen und gottlob! gut beendet worden*). — Wunderbar war hierbei die außerordentliche Willenskraft des nunmehrigen , der, ohne geäthert oder gebunden zu sein, sich so ruhig verhielt, daß alles in bester Ordnung geschehen konnte. Nur der starke Athem verrieth seinen Schmerz. — Möge diese Willenskraft, dieser Hang zum Judenthum, alle diejenigen unserer Glaubensbrüder ergreifen, denen das religiöse Gefühl in Schlummer gerathen, auf daß sie in demselben neu belebt werden! — Julius Silberstein, Lehrer. *) Der Herr Einsender legte ein amtliches Zeugniß des genannten königl. Kreis-Physikus bei. Die Redaction. Zastroiv, 15. November. (Privatmitth.) Auch an unsere westpreußischen christlichen Mitbürger ist der Zeitgeist gebieterisch mit seinen Forderungen herangetreten und hat die eisige Kruste des Borurcheils, die sich sonst um die Anschauungen und Vorstellungen über des Juden Glauben, Wirken und Gesinnung gelagert, größtentheils hinweggeschmolzen. Der gesellige Verkehr unter beiden Confessionen ist lebhaft, ja, in gewissen Kreisen sogar bis zur Intimität gestiegen. Ein selbstredender Beweis für die Achtung vor unseren Glaubensgenossen ist, daß unter den Stadtverordneten ein großer Theil Juden, acht an der Zahl, sitzt, obwohl das Verhältniß der jüdischen zur christlichen Bevölkerung wie 1 zu 50 ist. Ja was noch mehr für die Toleranz unserer christl. Mitbürger spricht, ein jüdischer Kaufmann, K. Apolant, der sich durch seine Biederkeit und Rechtschaffenheit das Vertrauen und die Liebe aller in hohem Grade zu erwerben weiß, wurde jüngst zum Licebürgermeister unserer Stadt creirt und von der Regierung bestätigt. Der Grund zu dieser günstigen Erscheinung liegt aber ebenso in dem friedliebenden Sinn und der Unbescholtenheit unserer Gemeindemitglieder wie in ihrem Drange nach zeitgemäßer Bildung, der eigenen wie der ihrer Kinder. So besuchen z. B. gegenwärtig fünfzehn Jünglinge aus unserem Städtchen verschiedene Gymnasien der Provinz; so besteht hier, da die hiesige Simultanschule höheren Ansprüchen nicht genügt, eine durch Zusammentritt der wohlhabendsten Familien gegründete Privatschule, die ihren Zöglingen außer einem gründlichen Elementar- und hebräischen noch Unterricht in ftemden Sprachen angedeihen läßt und sie gewöhnlich mit der Reise für die Duarta resp. Tertia einer höheren Anstalt entläßt. Das muß man zum Lobe unserer Glaubensgenoffen offen anerkennen: sie scheuen keine Mühen und Mittel, wenn cs die Bildung ihrer Kinder gilt. Unter der gegenwärtig obwaltenden schwierigen Erwerbsweise ist solche Aufopferung für geistige Zwecke nur lobenswerth. Möchte doch in ganz Israel sich ein solcher Geist, ein solches Streben nach Intelligenz kund thun, und es wird die Anerkennung, die Achtung von seiten der anderen Confessionen gewiß nicht ausbleiben! 8. 4S**