Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 48 (24.11.1863)
- Date
- 1863-11-24
- Page
- Seite 745 (sequence 9)
- Language
- German
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745 Staatsrath Dr. Lamay hatte den Oberamtmann Donner beauftragt, die Ueberreichung in feierlicher Weise geschehen zu lassen. Es wurden daher alle Beamten des Städtchens bis zum Bürgerausschuß herunter dazu entboten, auch alle Verwandten und Freunde des zu Decorirenden und der BczirkS-Rabbiner dazu geladen. Der Eindruck der dabei gehaltenen Reden von feiten des Oberamtmannes und deS Bezirks-Rabbiners wirkte so ergreifend auf den greisen Decorirten, daß er den früher zu Papier gebrachten Dank nicht selbst vorlesen konnte und einen andern damit beauftragen mußte. Abends war zu Ehren desselben eine zahlreiche Gesellschaft versammelt, so aus allen Confessionen gemischt, wie sie dieses Städtchen noch nie beisammen gesehen. Man unterhielt sich gemüthlich, brachte einige paffende Toaste aus und trennte sich spät in stöhlicher und gehobener Stimmung. Sonst ist alles still im Lande und man merkt kaum, daß eine ganz neue Synagogen - Verfassung im Werke ist. Der Entwurf dazu ist von Mannheim und Karlsruhe ausgegangen und liegt bereits ein Jahr unserem Oberrathe zur Begutachtung vor; möglich, daß diese seit einigen Wochen an das Gr. Ministerium d. I. abgegeben ist. Man hat in anderen Kirchen die Frage aufgeworfen, ob auch Laien in kirchlichen Angelegenheiten sollen mitrathen dürfen; unser Oberrath hat die Sache auf den Kopf gestellt, er hat 15 Beiräthe zur Abfassung seines Gutachtens selbst gewählt — lauter Laien. Aus Württemberg, im November. (Privatmitth.) Der neue Gesetzentwurf zur Regelung der bürgerlichen Stellung der Israeliten ist erschienen. Der Judeneid soll fallen, die Civilehe gestattet und die Armenunterhaltung den bürgerlichen Gemeinden zugewiesen werden. — Auch die neue Schulgesetzgebung liegt im Entwürfe vor. Nicht Hr. Lehrer L i e b m a n n aus Eßlingen sondern Hr. Lehrer Weil aus Kochendorf war als Vertrauensmann einberufen. Die Gehalte der Lehrer werden erhöht, alle Leistungen beim Gottesdienste von seiten der Lehrer müssen besonders honorirt werden. Die israel. Lehrer und Schulen bleiben den königl. Oberschulbehörden untergeordnet, nur der Religionsunterricht bleibt den Rabbinen unterstellt. Das Cultministerium beruhigt die israel. Lehrer wegen der gefürchteten Aufhebung der Consessionsschulen; deren Auflösung kann nur stattgegeben werden, wenn die derweiligen Stellinhaber anderweitig versorgt sind. Das System der Oberlehrer wird eingeführt und den Gemeinden wird eine Mitbeaussichtigung der Schulen gestattet. Die Schulinspectoren, sowohl die örtlichen als'die Bezirksschulinspectoren, müssen eine Prüfung in Pädagogik und Didaktik bestehen. — In Stuttgart und Buchau wurde der l 8. October in den Synagogen festlich begangen und haben beide Redner ihre Aufgabe musterhaft gelöst. — Es entsteht jetzt Mangel an musikalisch gebildeten Cantoren und es wäre sehr wünsch enswerth, wenn bei der Bildung der Lehrer die Musik und der Gesang mehr berücksichtigt würden. Drei Gemeinden in Würtemberg sind jetzt mit Orgeln beim Gottesdienst versehen; sie werden aber wohl länger vereinzelt stehen, denn die stuttgarter Liturgie ist sonst nirgends eingeführt. In Ulm wird bald ein Synagogenbau zum Bedürfniß werden und Heilbronn muß auch folgen. Das Judenthum blüht in den guten Städten. Aus Bayern, im November. «Privatmitth.) Was unsere politischen Verhältnisse in Bayern betrifft, so haben wir alle Ursache, in jeder Beziehung zufrieden zu sein. Unser Regime ist in jeder Beziehung liberal und kennt einen Unterschied zwischen Juden und anderen Glaubensgenossen nicht. — Dagegen sind unsere speciell jüdischen Verhältnisse noch immer die traurigsten. Die Orthodoxie behauptet das Feld, so zwar, daß Gemeinden, welche noch einen Rabbiner, der dem Fortschritte huldigt, haben wollen, wie Bamberg und Augsburg, ihre Zuflucht zum Auslande nehmen müssen. Dabei ist es bedauerlich, daß so manche inländische Kraft vernachlässigt oder übergangen wurde, aus keinem andern Grunde, als daß sie nicht jugendlich genug war. Der Mangel an tüchtigen Lehrern ist ebenfalls groß, rührt aber namentlich daher, daß die Gemeinden einmal nicht dazu kommen wollen, etwas für ihre Schulen zu thun, obwohl es ihre pecuniären Verhält- , niffe recht wohl gestatteten. Jeder Kreuzer mehr muß j erzwungen werden. Wen kann es daher wundern, j daß befähigtere Subjecte andere Berufsarten ergreifen? j — Gott bessere es! 48