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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-11-24 · Heft 48 (24.11.1863) · p. Seite 743

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 48 (24.11.1863)
Date
1863-11-24
Page
Seite 743 (sequence 7)
Language
German
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743 Mauern der Kirche zu staden, der Kirche in ihrem unveränderlichen, unwandelbaren Bestände". So spricht der ultramontane Katholik, der pietistische Protestant und der hyperorthodoxe Jude, das Wort Kirche in seinem Sinne auslegend. Wir wollen dieses Gleichniß in seiner Schwache nicht näher verfolgen; man weiß, daß Schutzmittel zu verschiedenen Zeiten in sehr verschiedenen Dingen gesunden wurden und daß ein veraltetes Vertheidigungsmittel gegen neue Angriffsmittel eher verderblich als hilfreich ist. Gab es doch Leute, welche die kräftigste Abwehr nicht hinter steinernen Mauern sondern in der muthigen Brust der Bürger fanden. Sondern wenn wir von der Wucht des Bestehenden und des geschichtlich Gewordenen sprachen, so darf man nie vergeffen, daß dieses eben ans den Bedürfnissen und dem Geiste der Zeiten geworden und dadurch eiu Bestehendes ward, daß es also der geschichtlichen Entwickelung anheim gegeben ist und nothwendig mit den sich verändernden Bedürfnissen und dem sich entfaltenden Geiste in Uebereinstimmung bleiben muß, wenn es bestehen und nicht geschichtlich veralten und absterben will. Ist der Geist entwichen, so sind die Mauern und Wälle ohne Besatzung, und dann vermögen sie nichts. Alles Bestehende hatte in seinem geschichtlichen Werden ebenso ein Bestehendes zu bekämpfen, das nicht vom Platze weichen sondern unverrückt seine Stelle in seiner ganzen bisherigen Weise einnehmen wollte; es bekämpfte und besiegte dies und wurde dadurch das Bestehende. Sobald es nun dem Fortgange des Menschengeistes sich gegenüberstellt und in gleicher Weise ohne lebendige Fortbildung mit unverändertem Stoff und unwandelbarer Form sich behaupten will, unterliegt es demselben Schicksale. Mögen wir es daher niemals verkennen, daß die Gefahr für das Judenthum eine zweifache ist, daß es von der einen Seite vom Nihilismus und Materialismus, von der andern Seite von der Hyerorthodoxie bedroht ist, und gestehen wir es offen, daß die Gefahr von der letzteren größer ist als von den ersteren. Denn diesen wehrt die gesunde Lebenskraft in der Gesammtheit der Bekenner in genügendem Maße; aber die Hyperorthodoxie, die Flucht hinter das versteinerte Glaubens- und Formwesen erdrückt alles gesunde und ftische Leben des Geistes und führt so recht zum Nihilismus hin. Wenn man nach einem Beweise hierfür ftagt, so brauchen wir leider nicht lange zu suchen. Aus der stabilen Orthodoxie ist im östlichen Europa der Chassidismus hervorgegangen, und bei dem Widerstande gegen alle Bildung und Cultur, bei dem Hasse wider alles, was an eine kräftige Regeneration auf dem Wege der Entwickelung rührt, werden immer größere Massen in jenen Ländern von ihm verschlungen und in die tiefste Barbarei hinabgezogen; die Orthodoxie selbst verschwindet vor diesem aus ihrem Schoße hervorgegangenen Unholde, indem sie, gleich einer echten Mutter, sich nicht ermannen kann, wider ihn auszustehen und ihn zu bekämpfen. Lassen wir uns daher auf dem von uns betretenen Wege nicht beirren. Das gegenwärtige Judenthum hat die Aufgabe, seinen Gedankeninhalt in Lehre und Gesetz zu klarer Erkenntniß zu bringen, von den Schlacken des Mittelalters zu befreien, sich in Brauch uud Sitte intellectuell und social dem Culturleben der Menschheit anzuschließen und inmitten dieser die wahrhafte Religion gegen Rechts und Links, gegen Nihilismus und Kirchenthum zu verth eidigen, zu verkünden, zu verbreiten. Dazu soll ein veredelter Gottesdienst, ein lebendiger Religionsunterricht, Musterhaftigkeit der Wohlthätigkeitsanstalten und ein geordnetes Gemeinwesen dienen. Woher also auch der Angriff komme, an diesem Streben muß er und wird er scheitern! Literarischer Wochenbericht. Bonn, 12. November. Vor kurzem erschien eine zweite durchaus verbesserte Auflage des bekannten Winer'schen chrldäischen Lesebuchs aus den Targumim von vr. Julius Fürst. Ueber die Wichtigkeit und Zweckmäßigkeit dieses Lesebuchs zur Einführung in das Studium der Targumim brauchen wir uns hier nicht auszusprechen. Ueber die Arbeit des Dr. Fürst für diese 2te Ausgabe lassen wir folgende Stelle auS der Vorrede folgen: „Der Text, welcher Proben aus allen wichtigen Targumim giebt, wurde durch Benutzung guter Ausgaben und durch bessere grammatische Genauigkeit vielfach von Fehlern gereinigt und außerdem wurde ihm noch ein Kapitel, chaldäische Bolkssprüche aus den Talmuven enthaltend, hinzugefügt. Die Anmerkungen unter dem Texte, welche die für Anfänger schweren Formen und etwas seltenern Constructionen zu erklären hatten, sind in dieser Ausgabe um fast ein Drittel vermehrt und im Ganzen cxacter gefaßt gegeben worden; bei der Verweisung auf des Verfassers Grammatik konnte hier natürlich nur die zweite Auflage Berücksichtigung finden. Das er-

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