Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 48 (24.11.1863)
- Date
- 1863-11-24
- Page
- Seite 742 (sequence 6)
- Language
- German
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742 den Anhängern gewisser Philosophen und einer Anzahl Lehrer der exacten Wissenschaften sowie von einer Menge Menschen, welche in oberflächlicher Weise die Resultate dieser in flch ausgenommen, geführt wird, so ist es natürlich, daß sie sich im Kampfe gegen die Kirche mit der freisinnigen Partei der Religiösen vereinigen, sowie im Gegentheile die letzteren eine gewisse Verbindung mit den Kirchlichen unterhalten, wenn es den Kampf gegen die Antireligiösen gilt. — Diese kurze Auseinandersetzung wird den Schlüssel zu vielfachen Erscheinungen der neueren Zeit abgeben, die sonst dem Beschauer in eine regellose Verwirrung gerathen zu sein scheinen. Je nachdem einer dieser beiden Kampfe heftiger entbrannt ist, wird die Verbindung der Parteien eine andere sein. Es ist jetzt wieder eine der beliebtesten und am öftersten gehörten Phrasen: „Die Fluten der Wiffeuschaft gehen über das Christenthum und das Judenthum hinweg." Schon das Gleichniß ist schlecht gewählt. Denn Fluten, soviel sie auch zu zerstören vermögen, laufen ebenso leicht wieder ab, wie sie gekommen, und müssen das Festland, wenn auch mit Trümmern und Schlamm bedeckt, wieder verlassen. Die Geschichte aller Zeiten weist solche Springfluten der Philosophie und Naturwissenschaft als eine nicht seltene Erscheinung aus, die aber die Grenzen des Festlandes nur hier und da zu verändern vermochten. Sie haben wohl hier und da ein Stück Küste verschlungen, hier und da eine neue Sandbank gebildet; aber sie haben das Land uncrschüttert gelassen und die Menschen wohnen bis dicht an der Grenze der Wogen. Die Philosophie trägt das Gesetz der Selbstauslösung in dem Abkreisen ihrer Entwickelung in sich, und sowie das Schopenhauer'sche System trotz allem Glanze seiner Dialektik und trotz der Jntensivität seines Denkens wieder dem Buddhaismus ganz nahe steht und nothwcndig den Uebergang zu einem neuen Dogmatismus bereitet, so hat sie keine Aussicht, die Weltanschauung der positiven Religion zu vernichten, sondern wird vielmehr erst recht zu ihr hinübersühren. Die Naturwissenschaft aber hat cS nicht minder immer geliebt, sobald sie bedeutende Resultate einmal erreicht hatte, auS diesen einen Sprung aus das Gebiet der Metaphysik und der Psychologie zu machen, um ihre Deutung dcö kosmischen Mechanismus an die Stelle der lebendigen Erkenntniß und des warmen Gefühles zu fetzen. Es ist ihr dies aber nur immer auf kurze Zeit gelungen. Tenn ebensowohl wurden ihre Resultate bald wieder von neuem überholt, so daß ihre ideellen Versuche mit der Gültigkeit ihrer Experimente zusammeubrachen, als auch es immer wieder klar wurde, daß sie zwar vermöge die Proceffe der Körperwelt zu immer sicherer und einfacherer Anschauung zu bringen, aber nicht anders als dicht vor dem Problem des Geistes stehen bleiben könne. Was aber Philosophie und Naturwissenschaft nicht vermögen, das kann die wissenschaftliche Kritik noch weniger vollbringen. Sie kann noch so scharf die Urkunden der positiven Religionen verarbeiten, die Tradition über dieselben auslösen, die Widerspruche in ihnen aufdecken, den Köhlerglauben verspotten: so muß sie doch vor den ewigen Wahrheiten der Religion stehen bleiben und kann die geschichtliche Eristenz der positiven Religionen nicht leugnen. Und wie? Vermögen Philosophie, Naturwissenschaft und Kritik irgend etwas, was Wirksamkeit und Dauer besitzt, an die Stelle zu fetzen? Wenn es ihnen gelingen könnte, die Religion völlig zu entwurzeln und aus den Geistern hinwcgzuschwemmen, was würden sie der Menschheit und den Menschen als Ersatz bieten können? Weder die dialektisch begründeten Axiome einer philosophischen Schule, noch das starre Naturgesetz der Physik und Physiologie, noch die Hypothesen der Kritik sind für die Menschen, für ihr Bedürfen und Verlangen eine Befriedigung, für ihr Lebenswerk eine feste Grundlage, für ihre Leidenschaften ein Führer, für ihre Kämpfe und Mühsale ein Stab, ein Schwert und eia Schild. Allen diesen gegenüber muß immer wieder auf die Wucht des Bestehenden, des geschichtlich Gewordenen und Ausgebildeten verwiesen werden. Und fragen wir dann, woher daS Bestehende und geschichtlich Gewordene diese Energie habe, so kann die Antwort nicht anders lauten als: weil es aus der Natur des Menschen selbst hervorgegangen, mit ihr verwachsen ist, sie allein befriedigt und nährt. Hierin allein liegt schon die entschiedene Verwerfung des Gegentheils! Freilich sind Philosophie, Naturwissenschaft und Kritik darum nicht minder nothwendig und Erzeugnisse der Menschennatur selbst, aber sie dürfen niemals eineu andern Anspruch machen als die Corrcctive des Religiösen, der Erkenntniß und Sittlichkeit innerhalb des religiösen Lebens zu sein, und darum ist ihre Existenz und sind ihre Ergebnisse von unschätzbarem Werthe. Aber hierin liegen auch ihre Grenzen. Vor diesem immer wieder ans Tageslicht tretenden Nihilismus, vor diesem immer wieder in die Strömung der Zeit eintreteuden Materialismus geben nun im Gegensatz die Hyperorthodoxen die Parole aus: „Das einzige Heil ist hinter der Schutzwehr, dem Wall und den