Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 48 (24.11.1863)
- Date
- 1863-11-24
- Page
- Seite 741 (sequence 5)
- Language
- German
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741 rechtigt, daraus eine ernste Anklage zu ziehen. Die Leiter der Gesellschaft müssen das Nutzlose, ja das Unwürdige ihrer Bestrebungen einsehen und der Bestand der Gesellschaft vermag also nur auf dem Eigennutze der von dem Gelde der Gesellschaft lebenden Beamten und Missionare zu beruhen, der die Geistesschwäche frommer Menschen auLbeutet, um sich einen reichlichen Unterhalt zu verschaffen. Die Redaction d. Allg. Ztg. d. Jud.). Oie religiöse Frage in der Gegenwart. In unverkennbarer Weise tritt gegenwärtig die religiöse Frage wieder mehr in den Vordergrund oder schickt sich dazu an. Werden die politischen Stürme ein wenig zur Ruhe kommen, gelingt es, die überall drohenden Kriegsgefahren zu beschwören, so läßt sich voraussehen, daß die kirchlichen und religiösen Streitigkeiten wieder einen breiten Raum einnehmen. Es ist dies auch leicht zu verstehen. Es bedarf keiner besondern Erklärung. Große, menschengeschlechtliche Fragen, die noch unentschieden geblieben, die noch durch eine weite Zukunst unentschieden bleiben werden, drangen sich immer wieder auf den Kampfplatz des allgemeinen und öffentlichen Lebens und können nicht anders. Die Reaction, die von 1849 an Europa in ihre Strömung gebracht, schloß auch die kirchliche Reaction ein und der katholische Ultramontanismus, der protestantische Pietismus und die jüdische Hyperorthodopie traten mit einem Geräusch und einer unbegrenzten Anmaßung aus, wie seit lange nicht geschehen, indem sie alle Furcht, ja sogar jede Achtung vor der öffentlichen Meinung verloren hatten. Sie wähnten die Welt im Sturme wiedererobern und sich unterwerfen zu können; sie wähnten durch die politischen Machthaber und die Wiederherstellung des Absolutismus die Völker wieder in ihre Gewalt und die Massen unter ihren Stab bringen zu können. Aber gerade der Ungestüm, mit welchem sie vordrangen, der unverhüllte Eifer, der aus Motiv und Mitteln kein Geheimniß machte, behinderte ihren Erfolg; die Menschen erwachten und rüsteten sich zur Gegenwehr und mit der ersten Wendung der Dinge, mit der ersten Abschwächung der Reaction drangen die entgegengesetzten Elemente wieder hervor. Ebenso wie die Feudalen und Absolutisien durch die Maßlosigkeit ihres Vorgehens nicht blcs ihre principiellcn Gegner sondern auch die ganzen Mittelparteien gegen sich in den Harnisch brachten, haben die Ultramontanen aller Religionsgenoffenschaften nicht blos die Anhänger der religiösen Negation sondern alle religiösen Parteien und Meinungen, die sich mit ihnen nicht in Uebereinstimmung befanden, gegen sich aufgebracht. Das Wiedererwachen des Kampfes auf kirchlichem und religiösem Gebiete ist daher sehr natürlich und giebt sich durch vielfache Erscheinungen kund. Aus literarischem Felde erhebt die Kritik ihre Stimme von neuem und richtet sich insonders gegen das kirchliche Chriftenthum. Ist dies in Deutschland schon fast eine alte Erscheinung zu nennen, so daß hier kaum noch viel zu sagen übrig bleibt und nur die abgespielten Themata immer wieder behandelt werden können, so ist es neu, auch im westlichen Europa den kritischen Kamps sich Bahn brechen und hier eine außerordentliche Bewegung hervorbringen zu sehen. Colenso in England, Renan in Frankreich, Miron in Belgien (Examen du Ciirisiianisme) machen dort Epoche, und wenn sic mit viel schwächeren Waffen kämpfen, als wir in Deutschland schon längst gewohnt sind, wenn sie ihr Rüstzeug zumeist aus Deutschland holen, so hallt doch das Geräusch des Kampfes genügend zu uns herüber. So rührt es sich denn auch in Deutschland wieder, und wenn hier bislang der literarische Streit noch schwächer ist, so sehen wir doch neben den katholischen Vereinen neue protestantische sich bilden, die Freigemeindler und Deutsch-Katholiken wieder Congrcsse halten, in Hannover die Gebetbuchsrage einen ungewöhnlichen Umfang annehmen, die politischen Körperschaften gegen die Concordate Partei nehmen, so daß diese bedeutsamen Lustbcwcgungen wohl nahende Stürme verkünden mögen. Die Sache liegt jetzt so. Wie immer muß man;wi- . schen Religion und Kirche wohl unterscheiden, und zwar in allen Religionsgenossenschasten. Der Kamps ist nun ein zwiefacher: der Kampf gegen die Kirche und der Kampf gegen die Religion. Der erstcre will den unveränderten Bestand und die unbedingte Herrschaft der Kirche mit ihrem Widerspruch gegen die moderne Bildung, gegen die freie Entwickelung des Geistes, gegen die Principien der modernen Gesellschaft, des modernen Staates, mit ihrer Beschränkung der Lebensformen nicht gelten lassen sondern auch in die Kirche Freiheit in Lehre und Form, Beseitigung des geistlichen Zwanges und der Herrschaft des überkommenen Buchstabens einführen; der letztere ist gegen alle positive Religion, ihre Lehren und ganze Ideenwelt gerichtet. Wenn letzterer insonders von