Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 48 (24.11.1863)
- Date
- 1863-11-24
- Page
- Seite 739 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Absicht, gegenüber den von der Gesellschaft neulichst ausgesprochenen Insinuationen, als ob die jüdische Presse fälschlich nnd gehässig über sie berichte, zu zeigen, wie die christliche Presse über sie urtheile. „Man muß damit übereinstimmen, daß eine große Organisation, welche viel Geld ausgiebt und wenig oder nichts dafür aufzuweisen hat, wenn nicht dem Tadel oder Discredit, doch wenigstens der Untersuchung unterzogen werden muß. In Beziehung auf Heidenbekehrung kann doch gewöhnlich etwas ausgewiesen werden. In jedem jährlichen Berichte wird sicherlich irgend ein in die Augen fallendes Ergebniß ausgesührt; dazu sind Unterstützer der Missionen gewöhnlich eine geduldige, langmüthige und vergeßliche Klasse. Das „große Werk in Ccchinchina" reicht für ein Jahr aus, und der nächste Jahresbericht verbreitet das „große Werk" von Peru bis nach Semlja. Doch müssen wir zugestehen, daß in Bezug aus die Heiden, wenn auch nicht viel, doch etwas geschehen ist. Aber wir haben noch andere Missionsgesellschasten außer denen für die Heiden. Die englische Kirche, im wahren Geiste der Barmherzigkeit, bringt in die Ferne, was ihr selbst zu Hause fehlt. Während sie ihre vaterländischen Ungläubigen und Ketzer noch nicht bekehrt hat, nnd nicht zufrieden mit dem Werke, die vielen hundert Millionen Heiden zu bekehren oder doch zu bekehren zu suchen, dehnt sie ihre Bekehrungsversuche auch auf die Juden aus. — Warum nicht auch auf die Türken, ist schwer zu sagen. „Die londoner Gesellschaft zur Beförderung des Christenlhumö unter den Juden" hat ihren fünfundfünszigsten Jahresbericht veröffentlicht. Die Gesellschaft ist, wie wir glauben, identisch mit der Kirche von England. Unter ihren Vicepatronen sind die meisten englischen Bischöfe. Sie wird ebenso durch die hohe wie die niedere Geistlichkeit gefördert. Die Bischöfe von Oxford, Salisbury uud St. David sind dabei verbunden mit den Bischöfen von Winchester, Durham und Norwich. Die „Judengesellschaft" — wie sie gewöhnlich nach dem Grundsätze lucus a non Jucendo genannt wird, da ihr Zweck die Vernichtung des Judenthums ist — hat ein sehr schönes Einkommen. Die Eiunahmen des Generalfonds betragen für das am 31. Marz 1863 abgelauscne Jahr die stattliche Summe von 43,400 L.St. (ungefähr300,000Thlr.j. Diese Summe besteht aus der Bilanz vom vorhergegangenen Jahre mit 10,000 L., aus 30,000 L>, welche durch Subscriptionen und Kirchenfammlungen zusammenkamen, und 3000 L., die offenbar aus Zinsen und Grundbesitz erwachsen sind. Welche die Ausgaben der Gesellschaft sind, werden wir bald sehen. Zuvörderst muß man aber beachten, daß es wenigstens diese eine Missionsgesellschaft giebt, die nichts weniger als insolvent ist. Die Judengesellschaft überträgt 8000 L. aus die Rechnung von 1864; oder, um recht genau zu sein, ihre gegenwärtige Bilanz ist 7,984 L. 2 Sh. 2 P. Ein Missionsverein mit 5000 L. Schatzscheinen, mit Land- und Hauserbesitz, mit einer Bilanz bei den Banquiers ist eine Seltenheit, und deshalb verdienen seine Rechnungen alle nur mögliche Oeffentlichkeit. Vielleicht hat der Gegenstand dieser Gesellschaft Einfluß aus ihre Geschäfte gehabt, und es ist nur natürlich, daß eine mit den Juden verknüpfte Sache glücklich in Geldangelegenheiten und aus der Börse gut angeschrieben ist. Aus welche Weise immer, genug, die Gesellschaft brachte es fertig, im letzten Jahre runde 35,424 L. (ungefähr 250,000 Thlr.) auszugeben. Sie erhält „134 Missionäre und andere Agenten" für die Juden. Sie erhält auch eine „Bischöfliche-Äuden-Kapelle" in London. Wir wußten nicht, daß eS soviel zu Bischöfen gemachte Jude» gäbe, daß sie eine besondere Kapelle brauchten; aber vielleicht verstehen wir den Ausdruck „Bischöfliche-Juden" nicht. Die Gesellschaft giebt Geld aus für Predigen, Geld für Tractate, Geld für Beherbergung ihres DruckwaarenlagerS und — braucht es erst gesagt zu werden? — Geld für Gehalte, Reisespesen, Comptvirbedürfnisse, Secretarien, Districtssecretarien u. s. w. Diese letzte Ausgabe beträgt allein die Summe von etwas mehr als 5000 L. Um deutlich zu sprechen, die Zahlen der Ausgaben sind 26,000 L. für Missionen und Schulen, 2,500 für Drucksachen, 5000 für amtliche Geschäfte und Beamte und ungefähr 2000 L. für Pensionen und Verschiedenes. Diese 134 Missionen sind über die ganze Welt verbreitet. Da die Juden ein zerstreutes Volk sind, müssen es die Missionen auch sein. Die Namen der Stationen bilden ciu Jnhaltsverzeichniß für ein Zeitungslexikon. Wir haben Abyssinien, Amsterdam, Bagdad u. s. w. bis zu Tunis und Turin. Was für Grundsätze von der Gesellschaft befolgt werden in ihrem Predigen für die Juden, setzt uns in große Verlegenheit. Wir setzen voraus, daß sie ein wenig mit der Statistik des Judenthums verknüpft seien; wo die meisten Jude« sind, da sollte es auch die meisten Missionäre geben. Es mag ei« großer Zusammenlauf von Söhnen Israels in Kreuznach und Konstantine stattfinden, die Missionen haben; aber wir hätten doch a priori vermuthet, daß es mehr Juden in Wien und Algier gäbe, die keine Missionen haben. 48*