Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 48 (24.11.1863)
- Date
- 1863-11-24
- Page
- Seite 738 (sequence 2)
- Language
- German
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738 Nothwendigkeit, nach dem Sturze des napoleonischen Reiches die politischen Verhältnisse der europäischen Staaten und Völker ne« zu ordnen und auf dem allhistorischen Grunde den Zeitveränderungen Rechnung zu tragen, sind sie bei jeder Erschütterung in Europa als ein Bedürfniß ausgetreten. Sehen wir ab von der Tendenz, welche die meisten dieser Congresse und Conferenzen bis jetzt verfolgten, von der Aufgabe, die einige derselben sich stellten, sondern betrachten wir sie nur seitens des allgemeinen Princips, das darin ausgesprochen liegt: so ist es offenbar, daß in dieser gemeinsamen Erörterung, Bereinigung und Entscheidung über europäische und Weltfragen der Weg zu einem organischen Verbände der Staate» betreten ist, der in sich die Nothwendigkeit trägt, mit der Zeit alle bedeutsamen Angelegenheiten in einem solchen Congresse zum Austrag zu bringen, welcher aber zuletzt nicht mehr aus den sogenannten Großmächten allein wird bestehen können, und der schließlich von den constitutivnellen Instanzen der Völker unmittelbar wird beeinflußt werden müssen. Mit der weitern Ausbildung dieses neuen politischen Moments ist der Jsolirung und dem isolirten Vorgehen der einzelnen Staaten ein Riegel vorgeschoben und die Organisation eines europäischen Staatenbundes unleugbar angebahnt. Es ist bekannt, daß Liese Idee nicht neu ist, daß schon Heinrich IV. von Frankreich sich mit einem derartigen Projecte trug. Aber was als Project, als Idee eines Einzelnen nichts Realisirbares an sich trägt, das bringt die Zeit in ihrem Eniwickelungsgange nach und nach und sicher zu Stande, sobald es zum unabweisbaren Bedürfnis geworden." — Der europäische Congreß bedeutet den nächsten Schritt zum Weltfrieden. Der europäische Congreß bedeutet den Sieg des Rechts über die Gewalt, den Schutz des Schwachen gegen den Mächtigen. Wir kennen allerdings die Einwendungen, die dagegen erhoben werden mögen. Wir wissen, daß jede menschliche Institution ihre Mängel und Schwächen hat, Gelegenheit zu Mißbrauch und Ausschreitungen nicht ausschließt und eine beständige Dauerhaftigkeit niemals verbürgt. Dafür muß auch sie der Entwickelung unterstehen, und Fehler, die begangen werden, dienen meist dazu, Besserung und Stärkung herbeizuführen. Der trostlose Zustand, die Verwirrung der Principien, die Auflösung aller innern Bande und der hierdurch drohende Verfall erheischen unumgänglich ein Heilmittel, das seiner allgemeinen Natur nach auch zu einer allgemeinen Wirksamkeit befähigt ist. Zeitweise und örtliche Kämpfe bringen stets nur zeitliche und örtliche Erfolge hervor und werden oft genug in ihrem Fortgange durch zeitliche und örtliche Niederlagen unterbrochen. Die Werkzeuge und Mittel, deren sich die Vorsehung zu ihren Zwecken bedient, bleiben in ihrem besonder» sittlichen Werthe gleichgültig; denn es ist der Triumph dieser Vorsehung, daß nicht selten gerade die persönlichen und unmoralischen Motive zur Herstellung großartiger und gedeihlicher Werke dienen müssen, daß diese so unbewußt das Gegentheil hervorbringen von dem, was sie zu ihrem eigenen Nutzen auszubeuten gedachten. Die Religion Israels predigte stets den allgemeinen Völkerfrieden und ihre Propheten verkündeten vor drillehalb Jahrtausenden, daß dereinst die Völker die blutigen Waffen niederlegeu würden. Es ist dies für die Bekenner des Judenthums keine bloße Phrase, keine bloße Auslassung einiger gottbegeisterten Männer, die zufällig ihrem Stamme und Glauben rngehörten; sondern diese Verkündigungen gehören ganz eigentlich und wörtlich zu unserm Glaubensbekenntniß, sind unmittelbare Ausflüsse aus dem innersten Wesen unserer Religion und wurden von den Lehrern derselben zu allen Zeiten als göttliche Wahrheit anerkannt. Außerdem mögen wir Inden niemals verkennen, daß unsere Lage in allen Staaten und Völkern eine prekäre und schwankende bleibt, solange die Gewalt in den Staaten verkörpert bleibt und die Völker sie immer wieder von ihren eigenen Machthabern und Institutionen lernen; daß wir erst dann eines gesicherten Rechts und Friedens uns erfreuen werden, wenn Recht und Frieden ein dauerndes Scepter in der Menschenwelt führen werden. Darum erachten wir es für eine besondere Pflicht für die Inden, auch ihrerseits die Idee des europäischen Congreffes, eine Idee, welche große Lebenskraft besitzt und darum eine große Zukunft haben kann, zu fördern, zu verbreiten und ihre Verwirklichung näher führen zu helfen. Die englische Iudenbekchrungsgesellschast. Ein Artikel der Saturday Review* über diese Gesellschaft hat so viel Aufsehen erregt, daß ein Auszug aus demselben die Runde durch alle europäischen Zeitungen gemacht. Wir geben ihn daher hier vollständig in wörtlicher Uebersktzung und thun dies mit der besonderen