Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 47 (17.11.1863)
- Date
- 1863-11-17
- Page
- Seite 725 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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725 Initiative und Selbstbestimmung, bald laßt er fich leiten, nicht blos von den Ereignissen sondern auch von den ganz unbedeutenden Männern und Weibern seiner Umgebung. Bald hat Jesus die große Menschheit vor Augen, bald ist er eng gebannt in seine engern jüd. Kreise und Anschauungen. Bald sind Schammai und Hillel, bald Zadok und Boethius die wahren Repräsentanten des echten Esra-Mosaisrnus. Bald stnd die Juden die geistreichste, biegsamste, edelste Race, bald wieder die hartnäckigste, finsterste. Bald lacht Jesus über die ihm von seiner Umgebung angedichteten Mirakel, und ist dann ein bewußter Betrüger, ein schlauer und doch hinter Appollonius und Peregrinus Proteus zurückstehender Thaumaturg, bald ist er wieder der überzeugteste Enthusiast, der sich selbst im wunderbarsten Licht erscheinen muß, und ebenso seine Thaten. Aus einer Seite wird nachgewiesen, daß an der Kreuzigung allein gar niemand sterben kann, sondern lediglich am Hunger und das erst nach mehreren Tagen, und gleich darauf ist Jesus nach wenigen Stunden am Kreuze wirklich todt, keine Wiederbelebung möglich und die Auferstehungsgeschichten einfach eine Erdichtung. Dann wird wieder mit Gemeinplätzen gewuchert, z. B. „die semitische Race hat nie eia Epos hervorbringen können" — als ob es ein schöneres, reicheres Epos geben könne als die biblische Geschichte! Mit dem „Reich Gottes", Malchut schamajim, wird durch das ganze Buch auf die mysteriöseste Weise gespielt, als ob dieser Begriff nicht schon in den alten vorchristlichen Gebeten Uhchun, Jitgaddal und Al kün nckawweh deutlich definirt wäre, zumal im letzteren, wo die Quintessenz der jüdischen Religion ausgedrückt ist in den Worten: den Wahnglauben aus der Welt zu bringen, die Götzen aller Art zu zerstören, und die Welt zu ordnen unter der Herrschaft des Göttlichen. Ferner wird durchweg das in Moses und den Propheten so oft vorkommende Bild, daß Gott ein Vater sei, als eine dazumal nagelneue Erfindung Jesu aufgeführt. Daß die Aufhebung des größten Thcils des jüdischen CeremonialgesetzeS mit der Ankunft des Erlösers (lia-göelj von selbst eintritt, diese logische Folge, welche von allen früheren und späteren Messiassen anerkannt und noch vor 200 Jahren von den Anhängern deS Sabbathai bethätigt wurde, scheint Hrn. Renan ganz unbekannt zu sein, und wenn Jesus beim letzten Abendmahl wirklich, wie der Evangelist Marcus erzählt, das Hallel gesungen hat, so hat er sicherlich keine Beracha dabei gesagt. Ebenso muß Hr. R. nie an einem Freitag- oder Festabend einem alt-jüdischen Souper bcigewohnt haben, sonst hätte er sich nicht um den schwärmerischen Sinn des Brotbrechens und des Weinfegnens die Zähne ausgebissen. Dagegen zeigt manches, daß Herr R. die Arbeiten unserer Jost, Grätz, Herzfeld, Geiger u. s. w. kennt und sie — Quellenangabe ist ja nicht immer erforderlich — benutzt hat. So z. B. die Schilderung deS Verhältnisses des 'Am-ha arcz und der 'Abarjaniui zu den Talmide Cbacbamim. Wohlthuend ist auch das Streben, einen so wichtig gewordenen Mann aus dem beängstigenden Kreise des nebelhaften Mythus herauszuziehen und ihn als einen greifbaren Menschen hinzustellen, statt eines bloßen Phantoms, wenn es auch nicht nöthig war, das Verhältniß mit den „frommen Weibern" so sehr zu vermenschlichen. Doch ist das vielleicht Bedürfniß französischer Leser. Zeitungen melden, ein Jude C.sei mit einer Widerlegung des Buches beschäftigt. In manchen Beziehungen dürfte das nicht allzuschwer sein, wenn auch nicht in der Richtung, wie die französischen Bischöfe hoffen. Freuen wir uns, daß wir Deutsche sind und in Deutschland leben! Spenden-Liste füt frie 3ttfiuttg l) zur monumentalen Herausgabe der Schriften Nießer's, 2) zur Unterstützung solcher Israeliten, die Gcrichtsassessorcn oder zu Gymnasial- und Universitäts- Lehrämtern befähigt, aber ihrer Religion wegen nicht angcstcllt sind. 1038—1049) Prediger Dr. M. Silberstein in Lyck snach einer Predigt) gesammelt von Weinberg l Thlr., Wolfheim l Thlr., M. Gottberg I Thlr., E. Gottberg 1 Thlr., Magnus 20 Sgr., Henningscn 13 Sgr., Salinger 43 Sgr., Persicaner 15 Sgr., Alexander l5 Sgr., Berwald 4 5 Sgr., K. Gottberg 45 Sgr., Jacobsohn 4O Sgr.; zusammen 8 Thlr. — Gesammtsumme: 1754 Thlr. 14 Sgr. — Pf. Die Redaction.