Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 47 (17.11.1863)
- Date
- 1863-11-17
- Page
- Seite 724 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3226364-3226412--21697-3301626- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
724 um den Inhalt bis auf bessere Zeiten zu conserviren, und er wird gewiß nicht der einzige gewesen sein, der dies System verdammte, weil er dessen relative Nothwendigkeit nicht anerkannte und es nicht ertragen konnte, daß man anfing fich zu erlauben, ganz neue „sinaitische Gebote", z. B. das des Händewaschens, einzuschieben. Wir sind daher mit Recht stolz auf den historischen Jesus und schreiben die allmählig hinzugetretenen fremdartigen Ausschrcitnnaen den allzueisiigen Subalternen und ihren Nachfolgern zu. Seine weltbewegenden Aussprüche, unter denen die Sätze von der Trennung der Gewalten (des Kaisers und Gottes) und der, welcher das Steinwerfen nur dem Unschuldsbewußten*) gestattet, obenan stehen, sind durchaus nicht, wie Johannes erzählt, in Sand geschrieben, vielmehr wurzeln sie tief im Judenthum und konnten auch einzig im jüdischen Volk ans Licht treten. Uebrigens betrachten wir einen anderen Stammgencssin, den Paulus, welcher wohl einsah, daß man als bloßer Landvolksmann (•yiKr: er) und als bloßer Stockjude nicht weiter kommen könne, als den eigentlichen Stifter des distinctiven Christenthums. Was aber die Göttlichstehea müssen, so war die Erhaltung deS Judenthums inmitten des Christenthums und Islams durch die lange Reihe von Jahrhunderten der Barbarei und Unwissenheit nicht möglich ohne eine bestimmte Lebensordnung, welche wiederum nur durch eine traditionelle Unterlage möglich war. Die Redaction. *) Auch hierin stimmen wir mit dem Herrn Ccrrespondenten nicht überein. Die Trennung der politischen und priesterlichen Gewalt war bei den Griechen und Römern durch den Sieg der Demokratie über die Aristokratie, welche letztere in dem Priesterthum der alten Geschlechter, welche die verschiedenen Cultusarten eingeführt hatten, begründet war, längst entschieden, und selbst bei den asiatischen Despotien, wie bei den Persern, die weltliche Macdt vom Priesterthume getrennt, wobei natürlich ein zeitweiser Einfluß der Priester durch ihre religiösen Insinuationen und namentlich als Auguren und Orakelspender nicht ausgeschlossen war. Durfte doch bei den Römern der Opferkönig kein anderes Amt bekleiden. Gerade im Christenthume entspann sich der große und noch heute nicht ganz entschiedene Kampf zwischen prw sterlicher Oberherrlichkeit und der Autorität des Staates, und erst im Gegensatz zu dieser Erscheinung kommt das jüdische Bewußtsein der Freiheit dem Priesterthume gegenüber zur vollen Geltung. — WaS den zweiten Ausspruch betrisst, so muß man fragen, was aus der Justiz werden sollte, wenn nur ganz reine Hände ein Erkenntniß über das Verbrechen schreiben dürften? Die Redaction. keit Jesu und dann auch die seiner Mutter anbelangi: diese könnte freilich unsere jüdische Ader kitzeln, da wir denn doch zu dem Stamme zählen, aus dem man Götter schnitzt — allein dieser Kitzel ist zu theuer bezahlt. — Ich erzähle dir, lieber Sohn, den Anfang dieses Gespräches, weil du mich um meine Meinung über Renan's Buch fragst, das wir zufällig, obwohl voneinander entfernt lebend, zu gleicher Zeit gelesen haben. Nun, im ganzen scheint mir das ganze Buch, als belehrendes Werk betrachtet, sehr schwach und nicht im mindesten mit den deutschen Werken eines Strauß und Feuerbach u. f. w. zu vergleichen. Daß eS in Frankreich, wo man nur stupide Gläubigkeit, sentimentale Tugendphrase und negirenden Spott kennt, großes Aufsehen und den Zorn der ganzen (katholischen) Klerisei erregt hat, ist mir begreiflich. Dort ist alles aus einem Stück, und wer nicht an die Medaillen der Dame von Sallette und etwa an die Präputial - Reliquie von Charroux glaubt, der ist Feind der Kirche, der Religion, Gottes. Bei uns aber, wo die Menschwerdung Jesu schon längst tief in das Volk gedrungen und des Uebergewichts sicher ist, muß jemand, der auf diesem Terrain noch Epoche machen will, ganz andere Waffen führen als Herr Renan, der u. a. die Evangelienbücher sehr wegwerfend behandelt, aber zugleich, wo es ihm paßt, auf ihre Berichte fußt wie auf ein — Evangelium, ja sogar den Primat Petri, also des römischen Papstes, darauf baut. Was mir sehr gelungen scheint, ist die Schilderung des begabten dörflichen Zimmermannes, der, schon über die ersten Jugendjahre hinweg, zum erstenmale nach Jerusalem kommt (wohin er freilich schon früher zu den Hauptfesten hätte wallfahren sollen) und in den Reichen und Gelehrten so sehr seine Antipoden findet, daß er gar keine Annäherungspunkte zu ihnen findet, sie einigemal mit Worten und Gleichnissen bekämpft und dann fluchend sie aufzibt, wofür er natürlich ihrer Rache zum Opfer fällt, sobald sie nicht mehr ihn zu ignorire» vermögen. Dies und noch einige Punkte ausgenommen, wird einem das Buch ganz unerquicklich durch seine unaufhörlichen inneren Widersprüche. Bald ist Jesus ein hoher Geist, der mit vollem Bewußtsein als Sectenstifter und Kirchenbezründer auftritt (obgleich Herr R. ihn aucb da noch tief unter Buddha stellt), bald ist er ein gutmüthiger Landjüngling, getrieben vom provinzialistischen Eifer gegen die hoffärtigen Reichen und Gelehrten in Jerusalem, die er ab und zu schüchtern angreift, aber bei jedem ernsten Anlaß wieder davouläuft. Bald ist Jesus ein Genie voll