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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-11-17 · Heft 47 (17.11.1863) · p. Seite 723

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 47 (17.11.1863)
Date
1863-11-17
Page
Seite 723 (sequence 3)
Language
German
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einer gegenseitigen Beschränkung auf ihre natürlichen Gebiete, woraus gerade wiederum eine gegenseitige Belebung und naturgemäße Entwickelung entspringt. — Wir dürfen uns hierbei allerdings von der blos äußerlichen Erscheinung eines constitutionellen Staates nicht beirren lassen; denn es kommt darauf an, ob er einen bloßen Schein der Versaffnng an sich trägt, oder ob diese zum wirklichen Leben geworden. Die Franzosen haben mehrfache Perioden eines verfassungsmäßigen Staates gehabt, aber dieser war stets mehr äußerlich und wurde vom Staatsoberhaupt mehr als eine neue mechanische Vorrichtung gehandhabt, als daß er das Volk wirklich durchdrungen, ergriffen und in sich ausgenommen hätte. So unter der Restauration, unter Ludwig Philipp, mit dem hohen Eensus und der Bestechlichkeit, so unter Napoleon III. Die Centralisirung ist nicht um ein Haar breit gewichen, die Verwaltung ist unverändert absolutistisch geblieben nnd der kleine Fährmann auf der Loire bedarf noch heute der ministeriellen Erlaubniß, mit seinem Nachen hinüber und herüber zu fahren, wie unter Ludwig XIV. Dagegen ist in Deutschland der cvnstitutionelle Geist vollständig erstarkt, wenn auch die Staatsverfassung noch den größten Schwankungen unterliegt; das constitutionelle Leben hat in Deutschland einen breiten und festen Boden gewonnen, während es in Frankreich, seiner eigentlichen Geburtsstätte für das Festland, noch lange keine Aussicht hat. Darum hier die angestrebte und schon vielfach erstrebte Ausgleichung zwischen Centralisirung und Selsgovernement; in Frankreich dagegen die Centralisirung in vollster Kraft und erst ein erwachendes Bewußtsein über die Schädlichkeit derselben in einigen selbständigen Geistern. Die natürlichen Triebe im Menschen gehen ebensowohl auf das Selsgovernement als auf den ceutralisirten Staat hin. Denn es drängt den Menschen, seinen freien Willen auch frei bcthatigen und sein eigenes Iuteresie nach seinem Wißen verfolgen zu dürfen und nicht erst von einer weit außer ihm liegenden Gewalt die Bestimmung seines Handelns und das Uriheil über sein Interesse zu empfangen. Aber nicht minder treibt eS ihn, sich als ein Glied eines großen Ganzen zu betrachten, als solches zu leben und zu wirken, in dieser Gesammtheit eine Stellung einzunehmen und dafür von seinem freien Willen und seinem eigenen Interesse auszngcben und zu opfern, was zur Erhaltung und zum Gedeihen des Ganzen nothwendig ist. Ist Leben in einem Volke, fühlt es sich als solches, so übersteigt die Freudigkeit, mit welcher zahllose Individuen das staatsbürgerliche Recht in bestimmten Acten ausüben und für Staat und Vaterland Gut und Blut hingebcn, bei weitem noch ihr Wohlbehagen über einen erlangten persönlichen Vortheil, und das dulce est pro pairia mori ist so wahr wie das äulce e8t pro palria viverc et agerc. — Werfen wir nun einen Blick darauf, wie eS sich hiermit im israelitischen Volke verhielt. Hamburg, 4. November. Einige Worte über Lenan's „Leben Zefu" *). (Aus einem Familienbriefe.) Neulich traf mich ein Freund (Franzose und aufgeklärter Katholik) beim Lesen von Renan's Leben Jesu. Nun, das kitzelt Sie wohl recht! rief er rad)enb. Wie, erwiderte ich, glauben Sie, es sei mir angenehm, meinen allerberühmtesten Stammgencffen so überaus verkleinert zu sehen? Finden Sie das in dem Buche? fragte er zurück, und ich erwiderte: Glauben Sie mir, uns freidenkenden Juden ist Jesus ein sehr wichtiger Mann, der, möge nun mehr oder weniger von ihm historisch fcststehen, viele Aussprüche gethan und nach ihnen gelebt hat, die wir und bisweilen auch unsere gläubigeren Mitbrüder auS Herzensgründe unterschreiben. Seine Zeit war gerade die, in welcher für das Iudenthum die knöcherne Hülle ausgearbeitet wurde, die vielleicht**) damals nöthig war. *) Wir haben nach Kenntnißnahme dieses Buches, das soviel Aufsehen erregt hat, geglaubt, daß, da das ganze Werk von rein französischem Charakter und Werthe ist, es füglich der französischen Kritik, es zu besprechen und, soweit dazu Vcranlapung vorläge, zu bekämpfen anheimgegeben werden müsse. Wir nahmen aber gern diese Beurrheilung seitens unseres geschätzten Hamburger Correspondenten entgegen. Die Nedaction. **) Dieses „Vielleicht" unseres gescb. Correspondenten können wir nicht acceptiren. Die Geschichte bis auf unsere Zeit hat es erwiesen, daß das talmudische Jndenthum für die Erhaltung und Integrität der Gotteslehre eine Nothwendigkeit war. Die Karaer erwiesen es, da sie, welche aus dem rein-biblischen Worte beruhen wollten, sich dennoch eine analoge Tradition und ein gleiches System schaffen mußten. Da den Juden alle nationale und staatliche Selbständigkeit genommen ward, die Menschen aber keine bloßen Vrincipienwesen sind, sondern in ihrer Masse aus einem concreten und factischen Boden 47*

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