Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 46 (10.11.1863)
- Date
- 1863-11-10
- Page
- Seite 712 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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712 Preußen. Berlin, 2. November. (Privatmitth.) Es hat sich nun herausgestellt, daß die reactionäre Partei über 40 Vertreter in dem neuen Abgeordnetenhause haben wird. Dies sind viermal soviel wie im vorigen Hause, dennoch aber nur der neunte Theil deS ganzen Hauses. Dieser compacten und entschiedenen Minorität gegenüber wird aber nolhwendig die Haltung der großen Majorität ebenfalls um so entschiedener sein. Was bei den Wahlen vorging, wird auch in dem Hause stattfinden. Die Gegensätze arbeiten sich immer mehr in das Schroffe hinaus und die Mittclpartei ist aus Null geschwunden. — Als eine kleine Episode lassen Sie mich wohl bemerken, daß man von Schwersenz aus Ihnen, Herr Redacteur, ein Mandat zugedacht und energisch betrieb, auch vielseitige Unterstützung fand. Aber die geschlossene Phalanx der Polen, die über ein Mehr von 50 Stimmen versügt, hat in diesem Kreise noch niemals die Wahl eines deutschen Abgeordneten zugelafsen*). (5öln, 29. October. (Privatmitth.) Zu den gestern vollzogenen Wahlen waren unter 400 Wahlmännern 24 Juden gewählt. Da die jüdische Bevölkerung ungefähr den 40sren Theil der Gesammtbevölkerung in der hiesigen Stadt ausmacht, so ist dies ein sehr günstiges Berhältniß. Jndeß wird dies auch an sehr vielen anderen Orten so gewesen sein und wir erwähnen es nur eines eizenthümlichen Vorgangs wegen. Die Wiederwahl der früheren Abgeordneten war auch hier die selbfiverständliche Parole der gesammten liberalen Partei. Zu diesen gehörte auch der Justizrath Kyll, und dieser hatte vor l4 Tagen als Stadtverordneter sich sehr unliebsam gegen die Juden benommen. Der israelitische Gemeindevorstand nämlich hatte bei den städtischen Behörden auf paritätische Behandlung des jüdischen Schulwesens angctragcn, so daß die jüdische *) Wir selbst wurden davon überrascht, da wir seit 1848 grundsätzlich niemals und nirgends um ein Mandat canLidatirt haben. Allerdings hatten wir es für eine Bürgerpflicht angesehen, das Mandat anzunehmen, und sagen jedenfalls den verehrten Männern, die uns dieses Vertrauen entgegeubrachten und welche nicht blos unserer Glaubensgeucssenschast angeheren, unfern herzliwen Dank! 0r. L. PH. Elementarschule gleich der katholischen und protestantischen aus städtischen Mitteln erhalten würde. Diese Forderung erscheint allerdings finanziell hochgegriffen, denn die Stadt müßte z. B. sofort ein Schulhaus anschaffen, das ungefähr 50,000 Thaler kosten würde. Allein sie beruht auf dem einfachen Grundsatz der Gerechtigkeit, umsomehr, als die hiesigen Juden, obschon nur der 40ste Theil der Bevölkerung, doch den sechsten Theil der Einkommensteuer tragen, also jedenfalls der Stadt, selbst wenn diese die Kosten des jüdischen Schulwesens übernimmt, immer noch bedeutend mehr zu den Kosten des katholischen und protestantischen Schulwesens beisteuern. Außerdem war die Gesetzlichkeit durch ein Rescript des Ministers Schwerin nachgewiesen. Dennoch siel der Antrag in der Stadtverordnetenversammlung mit 13 Stimmen gegen 8 durch und daran hatte am meisten der Justizralh Kyll schuld, indem er nicht allein gegen den Antrag stimmte, sondern mit cölnischer Beredsamkeit sich gegen die Juden äußerte. Er wies mit hämischen Worten auf den großen Geschäftsbetrieb der Juden in Stadt und Land hin, verglich ihn in seinem Umfange mit dem der Christen, meinte, die Juden gehören nicht zu uns, essen nicht mit uns, Hallen den Sonntag nicht u. s. w. In der Wahlmännerversammlung legten daher die 24 jüdischen Wahlmänner insofern einen Protest gegen die Wahl des Herrn Kyll ein, als sie erklärten, daß sie diesmal, um jede Zersplitterung der liberalen Partei zu vermeiden und weil die Wiederwahl der früheren Abgeordneten Princip sei, für Herrn Kyll stimmen würden, aber sich davor wahrten, daß cr als Mann ihres wirklichen Vertrauens anzusehen sei. Hieran haben die jüdischen Wahlmänner gewiß recht gethan; denn was kann man wohl von dem Liberalismus des Herrn Kyll für einen Begriff haben, wenn er dermaßen den Grundsatz der Gleichberechtigung auffaßt? Andererseits sind jene Männer auch darum zu loben, weit sie so offenmüthig mit ihrem Glaubensbekenntniß hervortraten, was bei sovielen Juden, die in Politik machen, nicht immer der Fall ist. Wir bemerken übrigens noch, daß die Stadtverordneten den im vorigen Jahre votirten Zuschuß von 1000 Thlru. zu den Kosten des jüdischen Schulwesens nach Abwerfung jenes Antrages auch für dieses Jahr einstimmig bewilligten. — Es versteht sich, daß der hiesige Gemeindevorstand darum seinen Antrag nicht ausgeben sondern so lange wiederholen wird, bis er durchgedrungen ist.