Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 46 (10.11.1863)
- Date
- 1863-11-10
- Page
- Seite 713 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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713 Berlin, 29. October. (Privatmitth.) Die eben stattgefundenen Wahlen haben neben Dr. Kosch, der in Königsberg, und Reichenheim, der in Waldenburg wieder gewählt worden, auch unfern Glaubensgenossen Dr. Johann Jacoby, welchen Berlin mit außerordentlicher Majorität gewählt hat, in das Abgeordnetenhaus gesandt, so daß diesmal drei Juden im preußischen Abgeordnetenhause sitzen werden. Ueberblickt man die Resultate der Wahl, soweit diese bis jetzt vorliegen, so hat die feudale Partei unleugbar an Terrain gewonnen und die Zahl ihrer Vertreter wird diesmal eine größere sein. In der Allg. Ztg. d. Judenlh. wird, wie Sie bemerkt haben, keine Politik getrieben, soweit diese nicht mit der confessionellen Gleichberechtigung und mit der Gewissensfreiheit in Berührung kommt. Auch haben die Juden von dem sog. liberalen Ministerium nur wenig Gutes und von dem jetzigen wenig Uebles mehr erfahren. Die rcactionäre Partei hat aber offen und zu maßlos ihr Gift gegen die Juden ausgespritzt, hat zu klar die Ausschließung und Beschränkung der Juden als ihr Princip ausgesprochen, als daß wir nicht in ihr unfern ärgsten -Feind und in ihrer etwaigen Herrschaft ein großes Unglück auch für uns erblicken müßten. Dennoch kann man es nur für ein günstiges Zeichen ansehen, wenn die Feudalen einige Erfolge mehr errungen haben. Denn da sie die außerordentlichsten Anstrengungen gemacht, sich der Gewalt und des Druckes, soweit sie es vermochten, zu bedienen nicht anstanden, dennoch aber die ungeheure Mehrheit des Volkes sich gegen sie aussprach und die Zahl ihrer Vertreter im Abgeordnetenhause doch nur ein unbedeutender Bruchtheil bleibt: so hat sich dadurch, daß sie an einigen wenigen Orten durchdrangen, erst recht gezeigt, wie weit überhaupt ihre Macht und ihr Einfluß reichen; man kennt die beschränkten Grenzen des Gegners nunmehr ganz genau, und dies ist immer ein großer Vortheil. Sie haben durch die geringen Erfolge mehr, die sie bei ihren exorbitanten Anstrengungen und bei allen den Mitteln, die sie anwandten, den Sieg der Liberalen thatsächlicher documentirt und unwiderlegbarer gemacht, als wenn sie ruhig geblieben und ein paar Vertreter verloren hätten. Königsberg, 23. October. (Privatmitth.) In No. 16 d. Ztg. wurde das Rescript des Eultusministers mitgetheilt, welches die Habilitation des Dr. ined. Samuel als Privat-Docent an der hiesigen Universität, resp. die Modification des §. 105 der allgemeinen Universitätsstatuten deshalb zurückwies, weil Se. Excellenz das Bedürfniß gerade eines jüdischen Docenten der Medicin nicht anerkennen konnte. Herr Di*. Jolowicz, dessen literarische Thätigkeit seit Jahren eine autoritative Anerkennung in den Werken von Bunsen, Lücke, Rosenkranz, Friedreich, Scherr u. v. a. gefunden und der von den hervorragendsten Mitgliedern gerade der hiesigen philosophischen Facultät seit lange in glänzender Weise zum Universitätslehrer empfohlen worden ist, hat nun, ohne Berücksichtigung oder vielmehr mit Jznorirung des vorgenannten Ministcrialschreibens, in einem ausführlichen Memoire an die hiesige philosophische Facultät die Habilitation als Privat-Docent für „die Wissenschaft des Judenthums" mit Angabe der von ihm zu haltenden Vorlesungen uachgcsucht und ist in folgender Weise abgewiesen worden: „Ew. Wohlgeboren benachrichtige ich im Namen der philosophischen Facultät hiesiger Universität, daß dieselbe keine Veranlassung hat finden können, Ihrem Gesuche vom 25. v. Mrs., Ihre Zulassung als Privat-Docent für die Wissenschaft des Judenthums betreffend, zu entsprechen. Die von Ihnen eingereichtcn Druckschriften, sowie Ihr Doctordiplom, stelle ich Ihnen anbei wieder zu." Königsberg, 12. Ottober 1S63. G. H. F. Nesselmann, z. Z. Decan d. Philosoph. Facultät. Diese Antwort ist um so charakteristischer, als sie aufs deutlichste beweist, wie selbst sonst freie Männer der Wissenschaft da, wo es sich um Anerkennung des JudenthumS als berechtigte LchrdiSciplin handelt, nicht ganz vorurteilsfrei sind. Dr. Jolowicz ist seit Jahren der erste Lehrer der englischen und deutschen Sprache an der hiesigen städtischen Handelsschule, genießt im Kreise sämmtlicher Universitätslehrer ein consultativcs Vertrauen rücksichtlich jüdisch-literärischer Angelegenheiten, und doch scheusten sich diese selben Herren, die Anerkenntniß des Bedürfnisses eines Lehrers der jüdischen Wiffenschaft an hiesiger Hochschule auszusprechen. Hätten sie das gethan, dann würde der Einwand des Ministers weggefallen sein, und die Statutenfrage wäre bald auf die eine oder andere Weise zur Erledigung gekommen. Das war auch der Grund, warum Dr. Jolowicz sich nicht zur Privat-Docentur einer andern philosophischen Disciplin gemeldet hat; denn in diesem 46