Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 46 (10.11.1863)
- Date
- 1863-11-10
- Page
- Seite 707 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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707 synagogen) wo dem neuen Geist Raum gegönnt werden sollte. Pecuniäre Verhältnisse und Parteistreit ließen lein gedeihliches Aufkommen dieser Bestrebungen erwarten. Infolge einer Aufforderung von feiten der berliner Gemeinde, wo die Predigerstelle durch den Abgang des Hrn. Dr. Zunz erledigt war, verließ er zum zweiten Male seine Vaterstadt, nachdem er um seine Entlassung beim Könige eingekcmmen war und dieselbe ihm aufs ehrendste gewährt worden. Allein in Berlin hatten stch die Verhältnisse unterdeß geändert. Die Partei der Alten hatte die Steuerungen bei dem preußischen Könige, Friedrich Wilhelm III., denuncirt und dieser König verbot durch mehrere Cabinetsordrcs Predigt und Confirmation, befahl den Cultus nur in altherkömmlicher Weise abzuhalten und ließ den sog. Beer'schen Tempel schließen. Im Jahre 1824 heirathete Mannheimer das herz- und gemuthreiche Fräulein Lisette Damier aus Hamburg, um welche er, wie Jakob um Rachel, sieben Jahre gefreit hatte. Dieses Jahr war aber nicht blos für sein häusliches Leben entscheidend. Mannheimer hielt in diesem Jahre die Festpredigten während der Herbstfeiertage zur Zeit der Messe in Leipzig. Herr M. L. Biedermann war zur Messe daselbst und er war, nicht minder wie die anderen Zuhören, von den Predigten Marinheimer's entzückt und begeistert. In Wien erhoben sich eben die Mauern des neuen Tempels an der Stätte des alten Bethauses im Dämpfingerhose. Die Predigersrage wurde eine brennende. Herr Biedermann schlug daher nach seiner Rückkehr nach Wien Herrn Mannheimer zum Prediger vor und einstimmig wurde er im November desselben Jahres erwählt. Doch noch waren alle Schwierigkeiten nicht gehoben. Es fragte sich nämlich, unter welcher Form Herr Mannheimer anzustcllen wäre. Den Titel Prediger oder Rabbiner*) konnte man ihm nicht beilegen, da die wiener Israeliten, wie bereits berichtet wurde, keine Gemeinde bildeten. Als jedoch in demselben Monat der damalige Religionslehrer Herr Herz starb, wurde Herr Mannheimer als Religionslehrer angestellt, mit dem Titel: „Director der wiener k. k. genehmigten öffentlichen israelitischen Religionsschnle". Mannheimer trat bereits im Juni 1825 sein Amt *) Zur Entscheidung ritueller Fragen bestellten die Vertreter einen Beamten, welcher den Titel: „Koschersieischaufseher" führte. an und weihte im April 1826 den neuerbauten Tempel in Gegenwart der höchsten Staatsbehörden ein. Mannheimer's Wirksamkeit in der Schule begann im October 1825 und dauerte blos bis zum Jahre 1829. Es war die physische Unmöglichkeit vorhanden, daß er bei seiner fast aufreibenden Thätigkeit, die Gemeinde zu organisiren, noch langer dieses Amt hätte führen können; aber während dieses kurzen Zeitraumes streute er segensreiche Saaten aus. Der Entwurf zu den Statuten des Bethauses, der Wohlthätigkeitsanstalten, des Begräbnißwesens u. s. w. wurde von M. angeregt und zumeist ausgesührt. Ebenso führte er aus eigenem Antriebe im Jahre 1826 die Geburts-, Tranungs- und Sterbebücher ein, die zu führen ihm erst im Jahre 1831 von seiten der Landesregierung und später, 1837, infolge einer allerhöchsten Anordnung aufgetragen wurde. Auch wurde M. sehr häufig von Behörden aller Art um Gutachten angegangen. Besonders ist seine Mitwirkung bei Umgestaltung des Judeneides in Oesterreich hervorzuheben, wo es ihm freilich nicht gelang, feine ganze Ansicht dnrchzusetzen. Die segensreiche Wirksamkeit M.'s wurde aber auch in vollem Maße von dem Vorstande und den Vertretern seiner Gemeinde anerkannt, und es liegen hierüber Documente und Thatsachen vor, die dem Empfänger wie den Gebern zur höchsten Ehre gereichen. Im Jahre 1848 wurde M. für Brody in den österreichischen Reichstag gewählt, in welchem er insonders in der Frage der Jndensteuer und über die Aushebung der Todesstrafe thätig war und als Redner mit großem Beisalle ausrrat. Wiederholt wurde M. nachher noch von zahlreichen jüdischen und christlichen Wählern die Aussicht eröffnet, in den wiener Gemeinderath gewählt zu werden, und beabsichtigte man, ihn 1860 in den niederösterreichischen Landtag zu wählen; doch verzichtete er auf diese Auszeichnungen, da er im vorgerückteren Alter seine Kraft nicht zersplittern wollte. Die göttlichen Heimsuchungen blieben bei M. ebenfalls nicht aus. Infolge übergroßer Anstrengung wurden seine Augen im Jahre 1832 sehr angegriffen und hervorragende Aerzte der Residenz prognosticirren die bevorstehende Erblindung. Doch hat ihn der himmlische Vater davor bewahrt, und obschon er kurzsichtig ist und seine Augen schwach sind, so hat dieses doch seiner rastlosen Thätigkeit keinen Abbruch gethan. In den letzten Jahren trafen ihn jedoch harte und schwere Schicksalsschläge. 46*