Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-11-10 · Heft 46 (10.11.1863) · p. Seite 708

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 46 (10.11.1863)
Date
1863-11-10
Page
Seite 708 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226364-3226411--21680-3301608
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

708 Am 25. November 1858 starb ihm seine Gattin. Diejenigen, die sie kannten, die ihr im Leben näher standen, wissen es, welcher Schatz von Menschenliebe und Menschenfreundlichkeit mit ihr ins Grab gesenkt wurde. Selber körperlich schwach und leidend war sie aufopfernd für ihre Freunde, unermüdet und unverdrossen, wenn sie Noth und Elend mildern konnte, und hatte die innigste Theilnahme für jedes Leid und Weh. Bald hernach erkrankte sein ältester Sohn Theodor, vr. juris, welcher nicht nur zu schönen Hoffnungen berechtigte, sondern der sich bereits als Mann der schöpferischen Thatkraft bewahrt hatte. Nach längerem Leiden starb er am 25. Mai 1862, 35 Jahre alt, auf fremder Erde, in Venedig. Er war ein Mann von starker Ueberzeugungstreue und von Charakterreinheit. Frische Arbeitslust und unermüdlicher Wisiensdrang hatten ihn beseelt. Tie harten Schläge des Schicksals fielen in sehr empfindlicher Weise auf M. nieder und seine Gesundheit wurde schwankend. Zur großen Freude der Gemeinde und der zahlreichen Verehrer M.'s außer derselben sendete ihm der Himmel Heil und Genesung, und war es ihm vergönnt, im Herbste des Jahres 1862 wieder seinem Amte und Berufe zu leben. Zur Vollendung der Charakteristik fügen wir für diejenigen, die ihn nicht persönlich kennen, hinzu: M. ist körperlich zart gebaut und von nicht hoher Statur. Auf den ersten Blick jedoch erkennt man, daß man es hier nicht mit einer gewöhnlichen Persönlichkeit zu thun hat. Trotz großer Lebendigkeit in Worten und Geberden, auch im gewöhnlichen Gespräche, wodurch er im gesellschaftlichen Verkehre sehr anregend und belebend wirkt, verläßt ihn die angeborene Würde, die ihren Ursprung in den seltenen Eigenschaften des Herzens und des Geistes hat, nie. Die ganze Erscheinung ist gewissermaßen durchgeistigt. Das große dunkle Auge, die markirten Züge, das spärliche lange Haar erinnern, insbesondere wenn er in stammenden Worten zu seiner Gemeinde spricht und von einem Gegenstände tief ergriffen ist, an die alten Glaubenshelden, die für ihre Ueberzeugung lebten und für dieselbe zu sterben bereit waren. Fünf von M.'s Kindern sind am Leben und erfreuen sein Alter: zwei verheirathete Töchter und drei Söhne, welche sich dem praktischen Leben zuwendetcn. So weit die biographische Skizze auszüglich aus der Schrift des Hrn. Wolf. Wir gestatten uns, einige Bemerkungen noch hinzuzufügen. Mannheimer hat der literarischen Thätigkeit nur wenig obgelegen und sich, soweit er es gethan, genau in dem Kreise seines Lebensberufes gehalten. Es sind von ihm Predigten, theils feine Sammlung theils einzelne, eine Uebersetzung des Gebetbuches und des Machsors, soweit dieses im wiener Tempel beibehalten worden, und einige Gutachten erschienen. Auch hatte er einigen Aniheil an der Bibelübersetzung von Salcmon. Mannheimer ist daher vorzugsweise ein Mann der Thal, denn das Wort, das er verkündete, war auch Thal. Die Kanzel, die Wohlthätigkeitsanstalteu und die Seelsorge füllten sein ganzes Leben aus, und widmet er ihnen eine rastlose Thatigkeit. Da er nun hiermit glücklicherweise in die Hauptstadt eines großen Reiches, wohin unaufhörlich aus allen Provinzen und Kronländern die Strömung gerichtet ist, gestellt war, so wurden sein Wort und seine That wirksam und Vorbild nach allen Seiten hin. In die allgemeinen jüdischen Angelegenheiten ist M. nur selten eingetreten. Zwecken, die über Wien oder Oesterreich hinausgingen, entzog er sich, und wir gestehen offen, nicht ohne Einseitigkeit. Aber bei seinem glühenden Eifer für daS Judenthum gehört es eben zur Art dieses Manues und zeigt in charakteristischer Weise, wie er nur ans seinem speciellen Focus heraus wirken wollte. Hat nun aber dennoch M. auf diesem Wege sich die Anerkennung vieler Gemeinden, mit denen er in amtlicher Verbindung nicht stand, und die Verehrung seiner Umgebung im höchsten Grade erworben, so erweist sich dadurch, wie groß und sicher die Wirksamkeit der Thatkraft ist. Dies wollten wir hier absichtlich hervcrheben, um dadurch nachzuweisen, daß es auch in unserer Zeit nicht blos der literarische Weg ist, auf welchem Verdienst und Anerkennung erworben werden, sondern daß auch schon der berufliche Kreis Gelegenheit und Spielraum genug giebt um für das Heil der Glaubensgenoffenschaft zu wirken. Schließen wir daher diesen Artikel mit dem Wunsche, daß es dem verehrten Greise noch lange vergönnt sei, thätig zu sein und von den Früchten seines arbeitsvollen Lebens zu genießen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.