Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 45 (3.11.1863)
- Date
- 1863-11-03
- Page
- Seite 700 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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too — mirabile dictu — getauft worden sei. — So weil das Factum. Hören Sie weiter, und Sie werden staunen. Als mir dieser Vorfall milgetheilt ward, begab ich mich zunächst zu dem Spitalarzte, den ich durch eine Reihe von Jahren als einen vorurtheilsfteien, freisinnigen und sehr liberalen Mann kenne und der keineswegs ein Proselytenmacher ist. Don diesem Manne konnte ich hoffen, daß er mir über den betrübenden Vorfall treu berichten, daß er mir reinen Wein einschenken werde. — Auf meine an ihn gestellten Fragen gab er mir nachstehende wortgetreue Antwort. „Ich habe den am Kops-Typhus erkrankten jüd. Schneidergesellen Ignatz Pick während der fünf Tage seines Hierseins im allgemeinen Krankenhause zweimal täglich und gestern — Samstag — sogar dreimal besucht und ich müßte lügen, schändlich lügen, wenn ich sagen möchte, daß er mit mir von und über eine Taufe gesprochen oder auch nur eine Aeußerung gethan hätte, die auf einen Religionswechsel hätte schließen lassen, und ich war gestern in später Nachtstunde noch bei ihm. Als ich jedoch heute früh — Sonntag — in das Krankenzimmer trat, um bei den Kranken die Morgcnvisite zu machen, zeigte mir ein in der Nähe des Schneidergesellens liegender Kranke an, daß der Jude in der Nacht den Wunsch geäußert habe, Christ zu werden, welche Anzeige von den Schwestern bezeugt wurde. Wahrscheinlich daß letztere es auch schon dem Geistlichen, dem Provinzial der Minoriten, angezeigt hatten; denn es währte nicht lange, als dieser ins Krankenzimmer kam und an mich die Frage richtete, ob der Schneidergeselle zurechnungsfähig sei, die ich ihm dahin beantwortete, daß er mir vor wenigen Minuten noch die Zunge gezeigt und mir auch die Stelle angegeben, wo er die meisten Schmerzen habe. Ich machte ihn aufmerksam auf die Nähe des Todes, daß er sich beeilen müsse".-Ich wiederhole es Ihnen, hochgeehrter Herr Redacteur, nochmals, daß ich Ihnen die Worte des Doctors wortgetreu wiedergegeben habe. Von da begab ich mich zu dem Kleiderhändler (getaufter Jude), bei welchem der Schneidergeselle in Arbeit war, und auch dieser betheuerte es mir wiederholt, daß er nie, weder im gesunden noch im kranken Zustande, das Wort „Taufe" von ihm gehört habe, und ich, fügte er hinzu, habe ihn in seiner Krankheit oft besucht und war am Samstag bis in die späte Nacht bei ihm.- Ich habe Ihnen nur noch das Eine zu berichten, daß der bereits Verschiedene am verflossenen Versöhnungstage im Beihause war und fast den ganzen Tag mit Eifer und Andacht daselbst gebetet hat. Leopold Singer, Religionslehrer und Rabbinatsverweser. Schweiz. Auö dem Aargauischen, 20. September. (Privatmitth.) Die Judenftage ist gelöst und schicken sich auch ihre Gegner in das Unvermeidliche. Nur der Clerus schürt noch immer. So hat das bischöfliche Kapitel zu Solothurn in Beziehung auf die Lösung der aargauischen Judenftage und deren Consequenzen an den aargauischen Regierungsrath ein Schreiben gerichtet, welches ein würdiges Seitenstück zu denjenigen Manifestationen mittelalterlicher Intoleranz bildet, in welchen seit einiger Zeit die päpstliche Hierarchie und der Jesuitismus wieder mit vereinigter Rhetorik ihre Bravouren suchen. — Prof. Lazarus lebt und wirkt in Bern, nicht aber in Zürich, wie es jüngst in diesen Blättern hieß. Die circa 30 jüdischen Familien, welche gegenwärtig in St. Gallen wohnen, gehen mit dem Plane um, sich zu einer Gemeinde zu verbinden, d. h. einen zeitgemäßen Gottesdienst einzurichten und einen Friedhof zu erwerben. Rußland. Posen, 12. October. Der „Posener Zeitg." entnehmen wir Folgendes: Bei Lenszyce im Walde hatte sich am 28. v. Mts. eine Jnsurgentenabtheilung von etwa 300 Mann gesammelt. Ein Judenknabe, welcher von Dombia nach Lenszyce auf einem durch ein Dickicht führenden Fußsteige gehen wollte, wurde von einem als Vorposten ausgestellten Aufftändischen ohne irgend eine Ursache gemißhandelt und zum Zurückgehen gezwungen. Auf dem Rückwege nach Dombia traf der Knabe, von den erhaltenen Mißhandlungen blutend, auf eine Militärabtheilung und erzählle dem Führer derselben, daß er im Walde Insurgenten gesehen und von einem derselben geschlagen und zurückgejagt worden sei. Die Truppen schlugen sofort die Richtung nach dem bezeichneten Dickicht ein und trafen auch auf die Insurgenten, die aber nicht Stand hietten, sondern sich auf die Flucht machten. Am andern Tage,