Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 45 (3.11.1863)
- Date
- 1863-11-03
- Page
- Seite 695 (sequence 7)
- Language
- German
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693 Wegs also. Die bei weitem überwiegende Majorität der bayerischen Rabbinen ist einem gemäßigten Fortschritt und namentlich einer Veredlung des synagogalen Gottesdienstes mit Leib und Seele ergeben; und wenn diese fortschrittliche Gesinnung der Rabbinen in ihrer Wirksamkeit nicht so faß- und greifbar hervortritt, so resultirt dies lediglich aus der Physiognomie der Gemeinden, die meistens, theils aus Unbildung theils aus Indolen;, jeder Umgestaltung und Regenerirung auf religiösem Gebiete abhold sind. Lxenisda docent. Giebt es ja sogar städtische Gemeinden, deren Majorität für ihre Person stch über die biblischen Sabbath-, Ehe- und Speisegesetze ohne Umstände hinwegsetzt; dennoch nimmt sie es dem Rabbiner sehr übel, wenn er ein Glas crc trinkt oder sich des Fleischgenusses in den 9 Tagen nicht enthält. Was Wunder, daß dann der Rabbiner nur mit äußerster Vorsicht und Behutsamkeit auf jenem Gebiete reformirt, wo sein Wirken der allgemeinsten Beurtheilung und Controlle unterliegt? Die Kämpfe, welche Dr. Löwi zu Fürth und!>r. Aub zu Baireuth in den dreißiger Jahren;u bestehen hatten, sind von den etwas jüngern Rabbinen nicht vergesten und haben namentlich durch die ganz eutschiedeue Parteinahme des damaligen bayerischen Regimes für das starre, verknöcherte Stabilitätsprincip auf die jüngern Amtscollegen sehr entmuthigend influirt. In Bayern ist daher von der größer« Autorität und Machtvollkommenheit der Rabbinen für die Reform viel mehr zu gewinnen als zu befurchten, und zwar um so sicherer, als ohnehin den Gemeinden die Anstellung ihrer Culrusbeamten ganz und gar überlasten ist; deren Dotirung aber meistens so gering ist, daß sich ein Rabbiner dreimal besinnen wird, der Majorität seiner Gemeinde in ihren, wenn auch nur einigermaßen berechtigten Wünschen Opposition zu machen oder gar eine rigorose Synagogendisciplin zu handhaben, die den Gefühlen der Gemeinde oder dem Zeitgeiste widerstrebt. Andererseits aber haben die Rabbinatswirren in Frankfurt a/M. sattsam bewiesen, wohin es führt, wenn der Rabbiner nur eine Drahtpuppe ist, die von der Gemeindevertretung vielleicht sogar gegen den Willen der Majorität der Gemeinde nach subjectivem Belieben gezogen wird. Anstatt daher den Vorständen der bayerischen Gemeinden den Rath zu geben, gegen das in Rede stehende Ministerirlrescript, das nach Maßgabe der realen Verhältnisse entschieden zum Bessern führt, zu agitiren, möchte ich im Interesse des religiösen Fortschritts den intelligenten Vorständen ans Herz legen, dahin zu wirken, daß I) die vielen vacant gebliebenen Rabbinatsstellen, wo ein Sprengel von wenigstens hundert Familien mit einem geeigneten Centralsitze sich vorfindet oder bilden läßt, baldigst wieder besetzt — und 2) daß nur solche Bewerber von den Königl. Regierungen bestätigt werden dürfen, welche, wie es schon das in diesem Punkte noch zu Recht bestehende Judenedict von 1813 vvrschreibt, wenigstens die oberste Klasse eines Gymnasiums frequentirt, das Absolutorium dort erworben, zweijährige Universilätsstudien gemacht, sodann ein öffentliches Rabbinatsexamen mit gutem Erfolge bestanden haben. Werden nur Rabbiner bestätigt, welche außer der unentbehrlichen jüdisch-theologischen Doctrin auch eine gediegene klassische Bildung sich angeeignet haben, dann wird die Reform nicht beeinträchtigt, sondern gefördert, wenn auch der Rabbiner eine etwas größere Autorität in seiner Amtswirksamkeit genießt; denn ein Mann von wissenschaftlicher Bildung wird sie sicherlich nicht mißbrauchen, sondern sie mit weiser Besonnenheit zur Ehre seines Bekenntnisses und zum Besten seiner Gemeinde verwerthen; und-„es ist ohnehin dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen"*). — r. Literarischer Wochenbericht. Brüssel, im October. (Kunst.) In der diesjährigen hiesigen Kunstausstellung hat sich eine Sculpturarbeit unseres berühmten Glaubensgenossen L. Wiener eines außergewöhnlichen Beifalls zu erfreuen gehabt. Es war uns dies um so angenehmer, als der Gegenstand der herrlichen Arbeit eia jüdischer war. Der Unparteilichkeit wegen theile ich Ihnen hier das Urtheil des hochgeschätzten „Juunial des heaux — arls et de la lileralure'1 in No. 18 vom 30. September aus dessen letztem Artikel über die Ausstellung in Uebersetzung mit. Es heißt: *) Wir haben dieser Replik gern den Abdruck gegeben, ohne uns dadurch von unserer Ansicht im ged. Leitartikel abgebracht zu sehen. Die Präponderanz des Würzburger Rabbinen mit seinen 4 — r> Schleppträgcrn ist in Bayern zu groß, um ruhig zu sein, wenn solchen Männern noch eine Gewalt von Staarsseiten ertheilt wird. Der gebildete Rabbiner braucht keine staatliche Macht, wenn auch einen Schutz. Daß übrigens die Gymnasial- und Universitätsbildung noch kein Präjudiz gegen rückschrittliches Wirken ist, haben neuere Beispiele vielfach erwiesen. Die Rcdaction.