Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 45 (3.11.1863)
- Date
- 1863-11-03
- Page
- Seite 691 (sequence 3)
- Language
- German
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691 unter dem französischen Einflüsse bürgerlich frei geworden. Nach der leipziger Schlacht, wo jüdisches Blut in allen an ihr betheiligten Heeren geflossen, trat eine völlige Wendung ein. Die zweiundzwanzig Judengesetze in Preußen, das pharaonische Matrikelwesen in Bayern, die zahllosen Ausnahmegesetze in Oesterreich, die Judenhetzen von 1820 u. s. w. geben ein trauriges Zeugniß dafür. Wie langdauernd und bitter war der Kampf um die einfachsten menschlichen und bürgerlichen Rechte! lind wenn wir mit Freuden anerkennen, daß gerade aus unserm Gebiete der Sieg ein unzweideutiger ist, wissen wir nicht, welch zahllosen Nergeleien, welch kleinlichen Ausschließungen, welchem Druck gerade für die geistigen Kräfte in den Juden wir noch täglich ausgesetzt sind? Und denken wir an die Auslassungen der feudalen Presse, an die Anmaßungen des Ultramontanismns, au die Knuste der Proselytenmacherei, so hätten wir wohl das Schlimmste zu befürchten, wenn diese wieder einmal zur Herrschaft gelangten. — Dies ist der dumpfe Mißton, der in die Jubelfeier der Völkerschlacht hineimonte, der bewußt und unbewußt in den Herzen aller ernsteren Männer drückend lag, und dem hier nach dem Feste das Wort zu geben wir für.-unsere Pflicht erachteten. Hamburg, 20. October. Zum Geburtstage Schillers (10. Ilovembcr). Daß Schiller von Anfang an der eigentliche Dichter für die Juden in Deutschland war und es im allgemeinen noch ist, diese Bemerkung ist weder neu, noch kann sie auffallend sein, da seine Schöpfungen und Lehren es waren, welche den Juden zuerst begegneten, als sie aus dem befangenden Irrgarten des Talmudlebens einen Schritt in das Welt- und Völkerleben wagten und mit Ueberraschung nicht nur den größten Theil des Kerns ihrer Innerlichkeit entdeckten, sondern auch gerade in Schiller's, damals neuen didaktischen und reflectirenden Gedichten die größte Aehnlichkeit mit dem Jdeengang und oft sogar mit den Formen ihrer begeistertsten Propheten vorfanden. Noch heute finden Schiller's „Worte des Glaubens" ihren angemessenen Platz in jeder jüdischen Religionslehre. Deshalb möge es gestattet sein, eine kleine aufs Gerathewohl gesammelte Blumenlese von Parallelstellen jüdischer und schillerscher Aeußerungen hier zu eröffnen, mit der Bitte, daß kundige Hände sie fortsetzen mögen. Es versteht sich, daß von beiden Rubriken nur eigenthümlich charakteristische Stellen passen, nicht solche, die etwa der Dichter speciellen Charakteren oder Stimmungen angepaßt hat, oder etwa Aeußerungen einzelner jüdischer Männer, zu denen man ohne große Mühe in denselben Ouellen die direcien Gegensätze finden kann. Die alten ächten jüdischen Gebetsformcln bieten hier nächst einem großen Theil der biblischen Schriften die ergiebigste Schatzkammer, wenngleich die bewußte Anwendung oder Nachahmung biblischer Stellen, dergleichen man bei allen christlichen Dichtern findet, selbstverständlich ausgeschlossen bleiben muß. Freude, schöner Söltcrl'unkcn. Gelobt seist du, o Gott, der Freude, Wonne, Vergnügen, Jubel, Entzücken, Liebe und Freundschaft erschassen hat. (Trauungsagende.) Tochter aus Llvstum. Gelobt sei unser Gott, in dessen Wohnsitze die Freude ist. (Tischgebet bei Hochzeiten.) Freude heißt die starke Fever cle. Gott freuet sich seiner Werke. (Psalm.) Froh, wie seine Sonnen stiegen (imLied an dieFreude). Freudig gehen sie aus. Jauchzend gehen sie unter. (Sabb. Morgenlied. » Froh wie ein Held läuft (die Sonne» ihre Bahn. ,Psalm.) Söllern Kann man nicht vergelten, schön ifis, ihnen gleich;u lein. So wie Gott barmherzig ist, sei auch du barmherzig. (Mifchna.» Sram und Armnlh soll sich mclvcu, mil Vcm Frohen sich crsrcun. Du sollst froh sein, du mit dem dürftigen Fremden, der Waise und der Wittwe. (Pentateuch.» Sroll und tiüchc sei vergessen. Du sollst dich nicht rächen und nicht nachtragen. »Pentateuck.» Wahrheit gegen Freund und Feind. Den beschworenen Eid hält er, wenn auch sich selbst zum Schaden. (Psalm.) Antcrgang der Fngcnbrul. Die Sünder mögen von der Erde vergehen. (Psalm.) Männcrstol; vor Königsthronen. Ich rede frei vor Königen und zittere nicht. (Psalm.) Was kein dcrttand der verständigen sieht. Das übet in Linsalt ein kindlich Scmiitli. Wir wollen thun und vernehmen. (Pentateuch.) Nicht das Forschen ist die Hauptsache, sondern das Ausüben. (Mischna.»